1)                                           Jinx und Bonko

Der Vollmond warf ein diffuses Licht auf die Straßen und Häuser der Stadt, als Kater Jinx seine allabendliche Exkursion startete. Jinx war das, was man einen stattlichen Kater nennt. Dabei war er nicht einmal ansatzweise fett. Sein groß gewachsener Körper mit schwarz weiß gelfecktem Fell war äußerst muskulös und eindrucksvoll. Mit seinen geschmeidigen, fast schon grazilen Bewegungen hatte er im Laufe der Jahre schon so manches weibliche Katzenherz zum schmelzen gebracht. Seine Vormachtstellung in der Gegend stand insbesondere bei den anderen streunenden Katern außer Frage. Zwar hatte er bei einigen Keilereien mit rivalisierenden Katern, die ihm seine Vormachtstellung streitig machen wollten, die eine oder andere Schramme davon getragen, doch in allen seinen Kämpfen war er stets als eindeutiger Sieger hervor gegangen.

Sein erster Weg führte ihn wie jeden Abend vorbei an den Mülltonnen, wo er schon es öfteren etwas Fressbares gefunden hatte. An jenem Abend jedoch hatte er Pech. Daher trabte er gemächlichen Schrittes hinüber zur Fleischerei Rosemeier. Die Frau des Fleischers schien regelrecht auf ihn zu warten. Sobald sie ihn erspähte eilte sie aus dem Laden, stellte einen großen Teller mit Fleischabfällen vor ihn hin und streichelte ihm über den Kopf., während sie unaufhörlich auf ihn einredete. "Was bist du nur für ein hübscher Kater. So ein hübscher Kater. Ein richtig hübscher Kerl bist du." Er wusste, dass er hübsch war. Das musste sie ihm nicht extra sagen.

Eigentlich redete sie jeden Abend dasselbe. Jinx ließ es kommentarlos über sich ergehen, tat ihr jedoch den Gefallen und schnurrte, weil die Menschen so etwas anscheinend gerne hörten. Aus ihm unerfindlichen Gründen schien sie einen regelrechten Narren an ihm gefressen zu haben. Ihm sollte es recht sein, solange sie ihm allabendlich einen Teller mit Futter vor die Nase stellte. Jinx schaute weder nach links, noch nach rechts. Stattdessen schlang er das Fleisch mit affenartiger Geschwindigkeit in sich hinein während sie ihn kraulte und immer wieder "schöner Kater, schöner Kater" vor sich hin brabbelte. Das Leben auf der Straße war nun einmal hart, und er konnte es sich nicht leisten, auch nur auf einen Krümel der Mahlzeit zu verzichten.

Nachdem auch der letzte Bissen den Weg zu seinem Magen gefunden hatte, verließ er gesättigt seinen Standort und ging weiter in Richtung der Neubausiedlung auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Er wollte gerade zwischen den vorbei fahrenden Autos hindurch huschen, als er hinter sich ein verdächtiges Geräusch vernahm. Hastig drehte er sich um und blickte geradewegs in die Augen von Bonko, einem stattlichen Rottweiler-Mix im allerbesten Alter, der seit Monaten in der Gegend herum streunte. Bislang hatte er ihn stets auf Distanz halten können. Zweifellos habe ich ein ziemlich großes Problem, dachte Jinx. Renne ich nach vorn, werde ich eventuell von einem der vielen Autos überrollt. Lege ich den Rückwärtsgang ein, lande ich in dem riesigen Maul von Bonko. Jinx stand weder der Sinn nach dem Einen, noch nach dem Anderen. Binnen einer Sekunde musste er eine Entscheidung treffen. Ohne das er etwas dafür konnte fuhr er seine Krallen aus. Sein Fell sträubte sich. Er machte einen Buckel um größer zu erscheinen und er fauchte. Ja tatsächlich... Er fauchte diesen riesengroßen Hund an. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Innerlich brach er zusammen. Die Lage war aussichtslos. Er befürchtete, Bonko würde ihn aufgrund dessen in Nullkommanichts in der Luft zerreißen. Jinx schloss die Augen und wartete auf das Ende. Aber es geschah nichts.

"He, Kumpel. Hast du mal eine Minute Zeit?" Einen Augenblick lang glaubte Jinx, sich verhört zu haben. Dieser grobschlächtige Kerl, der ihn seit Wochen von einer Straßenseite auf die andere gejagt und ihn in Angst und Schrecken versetzt hatte, sprach zu ihm, als wären sie die allerbesten Freunde. Noch vorgestern war Jinx, aus Angst, im Maul dieses sabbernden Ungetüms zu landen, auf eine halb verdorrte Kastanie geklettert. Erst Stunden später, als die Luft wieder rein war, hatte er sich wieder hinunter getraut. Und heute stand dieser Bonko einen halben Meter hinter ihm und pieselte in aller Seelenruhe gegen einen Laternenpfahl. Es war einfach nicht zu fassen.

"Weißt du, Jinx", hörte er Bonko sagen. "Ich habe mir etwas überlegt. Dieses andauernde, schwachsinnige Spielchen `Hund jagt Katze`ist doch Quatsch mit Soße. Die reinste Energieverschwendung. Findest du nicht auch, dass wir unsere Zeit sinnvoller nutzen sollten?" Was ist denn plötzlich in den gefahren, dachte Jinx und schaute sein Gegenüber mit großen Augen an. Hat er sich einer Gehirnwäsche unterzogenoder ist er gar einer obskuren Sekte beigetreten? Verlegen kratzte er sich hinter dem linken Ohr. Das machte er immer, wenn er unsicher war. "Geht es dir heute nicht gut, Bonko? Bist du krank? Brauchst du einen Arzt? Ich weiß zufällig, dass in der Stresemannstraße..." "Mir geht es gut", fiel ihm Bonko ins Wort. "Sehr gut sogar. Es ist nur einfach so, dass man seine Zeit sinnvoller nutzen solle, als immer nur hintereinander her zu laufen, oder?" "Sinnvoller?" Jinx kratzte sich noch einmal. Diesmal hinter dem rechten Ohr. "Du hast ja merkwürdige Einfälle. Du wirst mir doch wohl nicht weismachen wollen, dass wir von nun an als Team zusammen arbeiten?" "Du nimmst mir das Wort aus dem Maul", antwortete Bonko. "Zu zweit erreicht man zweifelsfrei mehr als allein. Na, was sagst du?" "Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt", entgegnete Jinx. Allerdings - bei näherer Betrachtung konnte er sich durchaus mit Bonkos Vorschlag anfreunden. Unabhängig voneinander hatte sich jeder der Beiden einen beachtlichen Status aufgebaut. Gemeinsam wären sie vermutlich für lange Zeit unschlagbar.

Ein klein wenig entspannter, aber nach wie vor misstrauisch beäugte Jinx den neben sich herlaufenden Bonko, als sie zusammen in die Burgstraße einbogen. Von Freundschaft wollte noch keiner der Beiden sprechen, handelte es sich doch eher um eine Art Kollegialität auf Zeit, aus der jeder den einen oder anderen Vorteil herausziehen konnte. "Was wollen wir denn nun anstellen?", wollte Jinx wissen. "Ich hätte da eine Idee. Nicht irgendeine Idee. Nein, eine grandiose Idee. Vielleicht die beste Idee, die ich je hatte. Es geht um... Naja, also genau genommen..." "Komm auf den Punkt, Bonko, und eiere nicht um den heißen Brei herum", unterbrach ihn Jinx, dessen Geduld nicht unerschöpflich war. Er konnte es kaum noch erwarten, Bonkos Vorschlag zu hören. "Also, woran hast du gedacht?" "Nun, es muss ja nicht gerade heißer Brei sein. Ein saftiges Steak oder ein Rinderknochen oder eine Packung Frolic sind doch allemal erstrebenswert, nicht wahr?"

 

2)                                       Tierische Gedanken

Manchmal wünschte ich, ich wäre kein Mensch, sondern irgend etwas anderes. Bitte lachen Sie nicht. Diese Überlegungen sind tatsächlich ernst gemeint. Nicht, dass ich des Lebens als menschliche Kreatur in irgendeiner Weise überdrüssig wäre. Dem ist ganz und gar nicht so. Ich stelle mir nur hin und wieder vor wie es wäre, etwas anderes zu sein als ein Mensch. Ein Affe zum Beispiel. Vielleicht sogar ein Menschenaffe. Aber nein. Ein solcher wäre mir in jeder Hinsicht viel zu ähnlich. Besonders auffällig ist dies nach einer durchzechten Nacht, wenn ich morgens gegen 13 Uhr vor dem Badezimmerspiegel stehe. Ungekämmt, ungewaschen und unfassbar dämlich dreinschauend. Und wenn meine Frau dann am Frühstückstisch zu mir sagt: "Du siehst heute morgen wieder einmal wie ein Affe aus", dann spricht das wohl für sich.

Dann wäre ich doch viel lieber mein Hund. Ich besitze einen blonden Labradorrüden namens Berry. Im Gegensatz zu mir ein durchaus hübscher Kerl. Wer wollte dies ernsthaft in Frage stellen? Er schwimmt für sein Leben gern im nahe gelegenen Fluss, bringt Stöckchen die er unterwegs findet mit nach Hause und tut im Großen und Ganzen das, wozu er gerade Lust hat. Welch ein sorgenfreies Leben er doch führt. Beinahe beneidenswert. Jeder liebt ihn. Und er liebt jeden. Nahezu alles, was er sieht, findet er grandios. Bis auf ein paar Kleinigkeiten wie Weinflaschen, Kämme, Rasierapparate, Staubwedel, Portemonnaies... Wenn er irgendeines dieser hier aufgeführten Utensilien erblickt, rennt er wie von der Tarantel gestochen davon und verkriecht sich irgendwo im Haus. Weiß der Himmel, warum. Aber mein Gott, ich trinke nun einmal gern hin und wieder nach dem Abendessen ein gutes Glas Wein. Wer tut das nicht? Natürlich kämme ich mir wie jeder halbwegs zivilisierte Mensch mehrmals täglich die Haare. Ein ganz natürlicher Vorgang, wie ich finde. Für Berry jedoch sind all diese Gegenstände äußerst gefährliche Utensilien, vor denen man sich tunlichst in acht nehmen muss.

Also gut, als mein Hund bin ich wohl auch eher ungeeignet. Wie wäre es mit einem Schwein? Schweine sollen ja unglaublich intelligent sein. Ach, Sie meinen, das wäre nichts für mich? Also ich muss doch sehr bitten! Aber vielleicht haben Sie auch nicht so ganz unrecht. Intelligenzmässig ist mir womöglich so manches Schwein haushoch überlegen. Was mich allerdings am meisten bei dem Gedanken, mich in ein Schwein zu verwandeln stört ist, dass diese Tiere sich so gern im Dreck suhlen.

Noch um ein vielfaches intelligenter als Schweine sollen Delfine sein. Die Anmut und die Grazie dieser wunderschönen Tiere ist in der Tat einzigartig. Diese Eigenschaften würden mir gut zu Gesicht stehen. Allerdings bin ich noch nicht einmal ein besonders guter Schwimmer, und so fällt auch diese Idee im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser. Obwohl es hin und wieder recht hilfreich wäre, einfach mal abzutauchen...

 

3)                             Rattentango

Sie war anmutig. Fast konnte man sie eine Schönheit nennen, nach der sich alle Rattenmänner verzehrten. Doch sie war mehr oder weniger unantastbar. Cora war die Tochter des Rattenkönigs Dracu, der im Laufe der Jahre fett und träge und des Regierens müde geworden war, so dass Cora die Macht im Rattenland übernommen hatte, und diese wusste die Rattenprinzessin auch bestens einzusetzen.

Sie und ihr Volk lebten in einem abrissreifen Gemäuer, in das schon lange kein Mensch mehr einen Fuß gesetzt hatte. Wer da aber glauben sollte, die Ratten lebten im Dreck und Unrat, der sah sich getäuscht. Insbesondere ihre Schlafplätze hielten sie auf Anraten von Cora penibel sauber. Cora war eine Rättin, nach der sich alle männlichen Ratten sehnten. Alle Rattenmänner buhlten um ihre Gunst, doch sie zeigte ihren Bewerbern ein ums andere mal die kalte Schulter, denn sie war es, die sich jeweils bei Vollmond ihren Gemahl aussuchte. Achtmal war sie bislang verheiratet gewesen, doch jedesmal war etwas schief gegangen. Daher lag sie auch meist alleine in ihrem gut gepolsterten Nest in einem mit Stuck verzierten Zimmer und ließ sich von ihrem Hofstaat mit Hähnchenschenkeln, Salami und Bratwürsten versorgen. Heute Nacht war es wieder soweit. Der Mond stand fast senkrecht als gelbrote Scheibe am Himmel. Eine weitere Hochzeitsnacht mit Cora der Rattenprinzessin sollte ihren Lauf nehmen. Ihr Auserwählter war Ron, eine stattliche graue Ratte mit langen Schnurrhaaren und gefährlich dreinschauenden Zähnen. Ein echter Draufgänger eben. So ganz nach Coras Geschmack. Die Bediensteten hatten ein riesiges Buffet mit allerlei Leckereien herangeholt. Gebratenes und Gebackenes war in jedweder Form vorhanden, denn die Menschen waren verschwenderisch genug und warfen die allerbesten Essensreste in ihre Mülltonnen. Für die Ratten war es ein Kinderspiel, all die guten Sachen wieder herauszuholen und ihre Vorratskammern zu bringen.Alle Freunde und Verwandten waren gekommen, um der Hochzeit beizuwohnen, denn Coras Hochzeiten waren stets spektakuläre Feste gewesen. Es sollte wie eh und je ein rauschendes Fest werden...