Die Fahrt ins Ungewisse

Sie hatte ihre Freundin Heike jetzt schon seit längerer Zeit nicht mehr gesehen. Früher waren sie oft gemeinsam in die Disco gegangen, hatten Konzerte besucht oder trafen sich ganz zwanglos bei ihr zuhause, um Musik zu hören oder sich über Jungs zu unterhalten. Nahezu jede freie Minute hatten sie miteinander verbracht. Vor fünf Jahren war Heike nach Hamburg gezogen, um dort eine Ausbildung als Reiseverkehrskauffrau zu machen, während sie in ihrer Heimatstadt Wunstorf bei Hannover geblieben war, umd eine Ausbildung als Bürokauffrau in einem Autohaus zu absolvieren. Ganz schön mutig für eine so junge Frau, so ganz allein in eine fremde Stadt zu ziehen. Typisch Heike.

Den Kontakt zueinander hatten sie nie verloren. Wozu gibt es schließlich Telefone? Im Gegensatz zu ihrer Freundin hätte sie niemals den Mut aufgebracht, ganz alleine in eine fremde Stadt zu ziehen. Dazu fehlte ihr schlichtweg der Mut. Für sie war es schon ein Riesenschritt gewesen, eine eigene kleine Wohnung im hannoverschen Stadtteil Herrenhausen zu beziehen. Es war ihr kleines Reich, in welches sie sich fallen lassen konnte und wo sie nach einem langen, arbeitsreichen Tag ihre Batterien wieder aufladen konnte. Hätte ihr älterer Bruder Michael und ein paar Freunde ihr nicht bei der Renauvierung geholfen, würde sie wohl noch heute in ihrem kleinen Zimmer im Hause ihres Vaters wohnen, denn um ihre handwerklichen Fähigkeiten war es nicht allzuweit bestellt.

Ihre Mutter hatte die Familie verlassen, als sie vierzehn Jahre alt war, um mit einem anderen Mann ein neues Leben zu beginnen. Gerade zu einem Zeitpunkt, als sie ihre Mutter am nötigsten gebraucht hätte. Sowohl sie, als auch ihr drei Jahre älterer Bruder hatten ihr das sehr übel genommen und daraufhin keinen ihrer zahllosen Briefe beantwortet, und wenn das Telefon läutete, und sie die Stimme ihrer Mutter vernahmen, hatten sie stets wortlaus aufgelegt. Vor zwei Jahren war ihre Mutter mit ihrem neuen Lebenspartner von Wunstorf nach Dänemark gezogen, wo sie ein kleines Antiquitätengeschäft besaßen. Außerdem vermietete sie gemeinsam mit ihrem Freund Ferienhäuser an der dänischen Nordseeküste. Ihr Vater hatte letztes Jahr wieder geheiratet, aber mit ihrer Stiefmutter, die gerade einmal elf Jahre älter war als sie, kam sie hinten und vorne nicht zurecht. Ihre Auffassungen vom Leben waren einfach zu verschieden, und so beschränkte sie die Besuche bei ihrem Vater auf das allernötigste.

"Wann kommst Du mich denn endlich mal in Hamburg besuchen?" Diesen Satz hatte sie von Heike in den letzten Wochen immer häufiger gehört. Heike hatte inzwischen einen festen Freund, der allerdings nicht in Hamburg, sondern in Buxtehude wohnte. Sie selbst war zurzeit mal wieder solo. Von Männern war sie immer wieder aufs Neue enttäuscht worden, insbesondere von Frank, der sie immer und immer wieder betrogen hatte. Sie hatte es erst bemerkt, als sie, neugierig wie sie nun einmal war, einige intime Nachrichten auf seinem Handy gelesen hatte. Mal war es eine Kerstin, dann wieder eine Brigitte. Als sie ihn daraufhin zur Rede gestellt hatte, leugnete dieser verdammte Kerl alles. Typisch Mann. Feige und verlogen.

Manchmal tut die Wahrheit weh, und dann ist es gut, wenn man sich mit seiner allerbesten Freundin so richtig ausquatschen kann, wenn auch nur am Telefon. "Wann kommst Du mich denn endlich mal in Hamburg besuchen?", fragte Heike erneut. Es tat gut, diese Worte zu hören. Sie klangen warm und herzlich. Mit ihrem Opel Corsa war sie bislang keine weiten Strecken gefahren. Die weiteste Fahrt war eine Fahrt nach Hameln gewesen, so sie sich mit einem Mann zu einem Blind-Date verabredet hatte, aber das war auch nur wieder einer dieser zahllosen Reinfälle, über die man besser den Mantel des Schweigens hüllt.

"Okay, ich komme Dich ja besuchen", sagte sie. "Wie lange haben wir uns denn jetzt nicht mehr gesehen?" "Das letzte Mal an Deinem zweiundzwanzigsten Geburtstag", entgegnete Heike. "Das ist ja nun auch schon fast wieder ein halbes Jahr her. Also setz Dich in Dein Auto und komm hoch zu mir. Hamburg hat jede Menge zu bieten. Wie können ja zusammen ins Musical gehen. Was hältst Du von Mamma Mia? Das ist im Moment der totale Renner." "Klingt außerordentlich verlockend", antwortete sie. Sie mochte die Musik von Abba schon immer sehr gern. "Dann bist Du also am kommenden Wochenende bei mir?" Sie überlegte einen Augenblick. Heute war Dienstag. Spontanität war noch nie ihre Stärke gewesen. Um Zeit zu gewinnen fragte sie: "Am kommenden Wochenende? Ist das nicht zu früh?" Heike seufzte. "Ich finde nicht, dass das zu früh ist. Du hast noch drei Tage Zeit, um Deine Tasche zu packen. Du musst Dich bei niemandem abmelden. Setz Dich einfach in Dein kleines schnuckeliges Auto und komm her. Wir machen es uns dann bei mir so richtig schön gemütlich. Genau wie früher." "Ist ja gut. Du hast mich überredet", erwiderte sie. "Ich bringe auch eine Flasche von dem roten Wein mit. Den magst Du doch noch, oder?" "Klar mag ich den noch", kicherte Heike. "Da könnte ich mich reinsetzen. Dann fährst Du also am Freitag gleich nach der Arbeit zu mir, abgemacht?" "Abgemacht. Obwohl Du ja weißt, wie sehr ich diese langen Autofahrten hasse." "Du kannst ja auch mit der Bahn kommen, wenn Dir das lieber ist. Ich hole Dich dann vom Bahnhof ab. "Nein, lass mal. Ich kriege das schon hin. Ich bin ja schon groß. Also, um dreizehn Uhr habe ich Feierabend. Wenn ich gut durchkomme, bin ich so gegen halb vier bei Dir. Ist das okay für Dich?" "Du, ich freue mich ganz doll", jubelte Heike. "Natürlich ist das okay."

Sie unterhielten sich noch eine Weile über dies und das. Wie immer, wenn sie miteinander telefonierten, war die Zeit wie im Flug vergangen. Als sie zufällig auf die Uhr schaute, war es bereits kurz nach dreiundzwanzig Uhr, und so beendeten sie das Gespräch. Sie wusch sich, putzte sich die Zähne und schlüpfte in ihren weinroten Schlafanzug. Sie war jedoch zu aufgeregt, um zu schlafen, und so nahm sie sich ein Buch von ihrem Lieblingsautor Konsalik, in der Hoffnung, dass die Müdigkeit sich ihrer bemächtigen würde. Morgen früh um sechs würde der Wecker klingeln. Wenn sie nicht mindestens sechs Stunden schlief, war sie am nächsten Tag zu absolut nichts zu gebrauchen. Es wollte ihr nicht gelingen, sich auf den Inhalt des Buches zu konzentrieren. Immer wieder verfingen sich ihre Gedanken in die bevorstehende Autofahrt.

Wenn man doch nur per Knopfdruck die Gedanken abschalten könnte. Von Minute zu Minute wurde sie immer munterer. Sie stand noch einmal auf, ging ins Wohnzimmer, trank ein Glas Wasser und schaute aus dem Fenster hinunter auf die Straße. Ihr blauer Corsa stand ordentlich geparkt unter einer Straßenlaterne. Ein Mann schlenderte mit seinem Schäferhund den Gehweg entlang und bog in die Nebenstraße ein. Sie trank noch einen Schluck Wasser, ging in die Küche und kippte das noch halbvolle Glas in den Ausguss. Dann ging sie zurück in ihr kleines, geschmackvoll eingerichtetes Schlafzimmer und machte es sich unter ihrer weichen Decke gemütlich. Ein letzter Blick auf die Uhr auf ihrem Nachtschrank sagte ihr, dass es bereits nach Mitternacht war. Dann schlief sie endlich ein.

 Wirre Träume ließen sie nur unruhig schlafen. Sie hatte das Gefühl, als würden ausgemergelte Gestalten mit langen, grauen Fingern nach ihr greifen. Dann wieder war ihr, als hätte sie einen Unfall gehabt. Sie hatte sich mit ihrem Wagen überschlagen und war kopfüber in einem Straßengraben gelandet. Die Türen ließen sich auch mit größter Anstrengung nicht öffnen. Wieder und immer wieder hämmerte sie mit ihren Fäusten gegen die Seitenscheibe, doch ihre verzweifelten Hilfeschreie blieben ungehört. Und da war Blut. Jede Menge Blut, welches unaufhörlich von ihrer Schläfe auf ihre Bluse und auf den Sitz des Autos tropfte.

Abrupt wurde sie durch die vertraute Stimme des Mannes im Radio geweckt. So unruhig hatte sie schon lange nicht mehr geschlafen. Zu gerne hätte sie sich noch einmal auf die andere Seite gedreht, um noch ein Viertelstündchen zu schlafen, doch die digitale Uhr zeigte ihr, dass dafür keine Zeit mehr war. Also raffte sie sich auf und begab sich lustlos unter die Dusche, wo ein kalter Wasserstrahl ihre Lebensgeister wieder auf Trab brachte. Wie jeden Morgen föhnte sie sich ihre bis zur Schulter reichenden blonden Haare, legte ein dezentes Make-up auf und trank eine Tasse Kaffee mit einem Schuss Milch im Stehen. Sie schlüpfte in ihre neue, eng sitzende blaue Jeans und zog ihre weiße Bluse mit dazu passendem BH über. Wie gewöhnlich verzichtete sie auch an diesem Tag auf ein Frühstück, obwohl sie es sich figurtechnisch gesehen durchaus hätte leisten können. Ein letzter Schluck Kaffee und ein allerletzter Blick in den Spiegel. Nicht perfekt, aber für einen normalen Arbeitstag ganz ordentlich. Sie schnappte sich ihre schwarze Handtasche, schloss die Wohnungstür hinter sich zu und ging eilig die Treppen hinunter.

Im Treppenhaus kam ihr der alte Herr Hansen aus dem Erdgeschoss entgegen, der sie jedes Mal mit seinen unverschämten Blicken von oben bis unten musterte. Seit einem guten halben Jahr war er verwitwet. Herr Hansen hatte unheimliche, stechende Augen und sein Gesicht ähnelte dem eines Haifisches. So ein gieriger, alter Bock, schoss es ihr durch den Kopf, nachdem sie seinen Gruß kurz und knapp erwidert hatte. Sie war froh, als sie endlich in ihrem Corsa saß.

Nur knapp dreißig Minuten später war sie an ihrem Arbeitsplatz angelangt. Sie stellte ihr Auto auf dem firmeneigenen Parkplatz ab und begab sich in die Buchhaltung im ersten Stock. Ihre Kollegin Frau Czech war wie jeden Morgen die erste im Büro. Sie goss die fast bis zur Decke reichende Zimmerpalme, die beiden Kakteen und das Usambaraveilchen. Frau Czech war eine knapp über fünfzigjährige, undurchsichtige, vertrocknete alte Schachtel, die außer einem leise dahin gehauchten "Guten Morgen" kaum ein Wort über die Lippen brachte. Mit ihrer Nickelbrille, über deren Rand sie die Menschen um sich herum musterte und ihren streng nach hinten gekämmten grauen Haaren sah sie wie eine Volksschullehrerin aus dem neunzehnten Jahrhundert aus.

Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und fing an, Rechnungen zu buchen. Nur wenige Minuten später betrat Herr Ragulin das Büro. Herr Ragulin war ein Riese von einem Mann. Trotz seiner fünfundvierzig Jahre machte er stets auf jugendlich. Die langen, graumelierten Haare hatte er zu einem Zopf zusammen gebunden. Sein Markenzeichen waren schwarze Jeans, ein mit Nieten besetzter Gürtel und spitze schwarze Schuhe. Er war gewiss der älteste Rock´n Roller der Stadt. In seiner Freizeit spielte er Bass in einer Oldie-Band, deren Namen sie sich beim besten Willen nicht merken konnte. Vielleicht war es auch eine Rhythm & Blues Band. So genau konnte sie das nicht sagen, denn es interessierte sie nicht allzu sehr. Jedenfalls hatte er ein überdimensional großes Bild in seinem Büro hängen, auf welchem er mit seinen Band-Kollegen auf irgendeiner Bühne stand.

Die frechen, anzüglichen Sprüche von Herrn Ragulin gingen ihr zunehmend auf den Sender. Wäre er nicht mit dem Chef des Hauses verschwägert, hätte sie sich gewiss schon über ihn beschwert, aber so... Auch heute konnte sich Herr Ragulin nicht verkneifen, eine seiner abgedroschenen Phrasen aufzusagen. "Na, da haben wir ja wieder ein ganz zauberhaftes Blüschen angezogen. Schade, dass noch so viele Knöpfe verschlossen sind." Sie hätte ihm eine scheuern können für diese dämliche Bemerkung. Frau Czech starrte mit hochrotem Kopf auf das vor ihr liegende Stück Papier, und Herr Ragulin begab sich nun endlich mit einem breiten Grinsen in sein Büro, dessen Tür immer sperrangelweit offen stand. Den gesamten Vormittag über wurde kein einziges Wort mehr gewechselt, und sie war froh, sich in der Frühstückspause mit ihrer Kollegin Gaby, die im Verkauf arbeitete, an deren Schreibtisch über alles mögliche, unter anderem über die bevorstehende Autofahrt nach Hamburg zu unterhalten.