1)                                   Der alte Holzfäller

In Rinteln lebte vor langer Zeit einmal ein alter Holzfäller. Vom vielen Arbeiten waren seine Hände ganz rissig und sein Rücken krumm geworden. Die Arbeit fiel ihm von Tag zu Tag schwerer. Der Lohn war so gering, dass es kaum für das Nötigste reichte. Seine liebe Frau Gertrud war vor Jahr und Tag an einer rätselhaften Krankheit gestorben, und so lebte der alte Holzfäller ganz allein am Waldesrand in seiner kleinen, kärglichen Hütte. Aber er beklagte sich nicht, und taten ihm die Knochen auch noch so weh.

Eines morgens im August, noch bevor der Hahn im Dorf seinen ersten Schrei getan, ging der brave Mann mit seiner Axt, einem Kanten Brot und einem Krug Wasser tief gebeugt in den Wald, um Bäume zu schlagen. Jeder Schritt war eine Plage. Als er endlich sein Ziel, eine alte Eiche, die wohl an die fünfzig Meter in den Himmel hinauf ragte, erreicht hatte und er gerade die scharfe Klinge der Axt in den Stamm des Baumes schlagen wollte, da war ihm, als würde der Baum zu ihm sprechen: "Holzfäller, Du bist Dein Lebtag ein ehrbarer Mann gewesen. Ich weiß es wohl, bin ich doch schon sehr, sehr alt und habe mancherlei gesehen. Verschonst Du mich und schlägst Deine Axt nicht in meine Rinde, so soll es Dein Schaden nicht sein."

Da erschrak der Holzfäller, denn ein sprechender Baum war ihm sein Lebtag noch nicht untergekommen. So ging er so schnell er konnte zurück in seine kleine Hütte, zündete sich seine Pfeife an und dachte in Ruhe darüber nach, was er soeben im Wald erlebt hatte. "Ach, wenn doch meine liebe Frau noch da wäre. Die wüsste ganz gewiss, was zu tun wäre", so dachte er und ging alsbald zu Bett. Des nachts hatte er wirre Träume. Ihm war, als stünde er am Ufer eines Flusses, auf dessen anderer Seite seine Frau stand und ihm zuwinkte. Und auch den alten Eichenbaum sah er ganz deutlich vor sich.

Am nächsten Morgen wachte er zeitig auf. An seinen nächtlichen Traum konnte er sich nicht mehr erinnern. Nach einem ordentlichen Holzfäller-Frühstück mit Ei und Schinken ging er abermals zu der großen Eiche. Es schien ihm, als wäre der Baum über Nacht noch ein gehöriges Stück gewachsen. "Wie ist das nur möglich?", sagte der Holzfäller leise zu sich selbst und schüttelte ungläubig den Kopf. Er tat dem Baum jedoch auch an diesem Tag kein Leid an und fällte stattdessen eine Fichte, die schon von Käfern arg befallen war.

 Als er abends nach getaner Arbeit wieder in seinem kleinen Häuschen angelangt war, wollte ihm der mysteriöse Baum nicht mehr aus dem Kopf gehen. "Was mag es mit diesem Baum nur auf sich haben? Ein Baum kann doch nicht binnen eines Tages so schnell wachsen." Er entschloss sich, auch am nächsten Morgen nach der Eiche zu sehen und legte sich müde zur Ruhe.

Das nachts kam ein fürchterlicher Sturm auf, welcher das kleine Häuschen des alten Mannes arg durchrüttelte. Dem Holzfäller wurde Angst und Bang, dass der Sturm das Dach seiner Hütte abdecken würde. Rings um sich herum hörte er, wie die Äste brachen. Als der Sturm nicht nachließ, sondern vielmehr noch an Stärke zunahm, verließ der Holzfäller aufgeregt sein Häuschen und begab sich zum nahe gelegenen Fluss. Er musste all seine Kräfte aufbieten, damit der Sturm ihn nicht umwarf. Nachdem er einige Schritte gegangen war, hörte er hinter sich ein fürchterliches Krachen. Ängstlich blickte er sich um und sah, wie seine Hütte in sich zusammen stürzte. Dem alten Mann wollte es fast das Herz zerreißen. Er setzte sich auf einen Stein am Wegesrand, und zum ersten Mal seit dem Tod seiner lieben Frau weinte er bitterliche Tränen. "Was soll ich nun noch auf dieser Welt? Wenn doch nur ein Baum ...

 

2) Die Schaumburger Waldwichtel verlassen das Land

Vor vielen, vielen Jahren, es mag im 15. oder 16. Jahrhundert gewesen sein, lebten tief im Schaumburger Wald die Waldwichtel. Die Waldwichtel waren entfernte Verwandte der Heinzelmännchen, welche ja bekanntlich im Kölner Raum ansässig sind. Die Schaumburger Waldwichtel hatten in etwa dieselbe Statur wie ihre rheinischen Verwandten. Naja, vielleicht waren sie sogar noch ein Stückchen kleiner, doch im Gegensatz zu den fleißigen Heinzelmännchen hatten die Waldwichtel, zumindest der männliche Teil, die Arbeit nicht erfunden. Sie ließen lieber alle Fünfe gerade sein und lebten in den Tag hinein. So blieb den Waldwichtelfrauen wohl oder übel nichts anderes übrig, als selbst das Heft in die Hand zu nehmen und all die Arbeit zu erledigen, die getan werden musste, sonst wären sie nämlich schon längst ausgestorben gewesen. Während also die männlichen Waldwichtel, die allesamt grüne Zipfelmützen trugen, Karten spielten, sich untereinander Geschichten erzählten oder einfach nur tatenlos auf dem Waldboden lagen, um die Wolken zu beobachten, wirbelten ihre Frauen von morgens früh bis abends spät herum. Sie wuschen und putzten. Sie backten und kochten. Sie sammelten Beeren und erzogen zudem noch die Wichtelkinder. Aber sie beklagten sich nicht, denn so war es schon immer gewesen.

Die Häuser der Waldwichtel waren so gut versteckt, dass kein Mensch sie je zu Gesicht bekommen hatte, denn sie hatten sie gut mit Moos und Tannenzweigen getarnt. Die Häuser waren zwar klein und sehr spartanisch eingerichtet, aber sie waren nichtsdestotrotz auch gemütlich und behaglich.

Eines Tages, als der Frühling soeben Einzug gehalten hatte und die Vögel ihre ersten Lieder sangen, sprach Eleonore Grünspan, die Ehefrau des Wichtelkönigs Kunibert des Dritten, der als einziger eine rote Zipfelmütze tragen durfte, zu ihrem Gatten: "Kunibert, der Wasserhahn tropft. Wie wäre es, wenn Du ihn reparieren würdest?" "Lass ihn tropfen, Frau. Lass ihn tropfen." "Und was ist mit den Fensterläden?", fuhr sie fort. "Sie sind ja ganz lose, und bei jedem Windstoß klopfen sie gegen unser kleines Häuschen." "Lass sie klopfen, Frau. Lass sie klopfen." Dann gähnte er beherzt, denn vom vielen Faulenzen war er recht müde geworden. Die Frau schüttelte ungläubig den Kopf. "Wie kann man nur so schrecklich faul sein? Irgendwann musst Du Dich doch einmal aus Deinem Bett erheben. Bring doch wenigstens den Müll hinaus, denn morgen früh kommt die Wichtelmüllabfuhr." "Was, ich soll den Müll vor die Tür bringen?" Der Wichtelkönig Kunibert rieb sich verschlafen die Augen. "Morgen, Frau. Morgen bringe ich den Müll hinaus. Ganz gewiss. Du kannst Dich darauf verlassen." Kaum hatte er dies gesagt, da war er auch schon wieder eingeschlafen und schnarchte leise vor sich hin. Es war schlichtweg zum Verrücktwerden. Mit den Mannsbildern war einfach nichts los.

Etwa zur gleichen Zeit, nicht allzu weint entfernt im Bückeburger Schloss, hatte seine Exzellenz Fürst Friedrich zu Schaumburg-Lippe beschlossen, seine wunderhübsche Tochter Prinzessin Schönlinde dem Grafen von Luxenstein zur Frau zu geben, der bei Hofe um deren Hand angehalten hatte. Es sollte ein großes Fest im Schlosse geben, wie es niemand zuvor je gesehen hatte. Alle Menschen im Lande sollten daran teilhaben dürfen, und jeder erwachsene Bürger sollte einen Leib Brot und einen Krug mit Wein bekommen.

Doch ach, die Prinzessin mochte den Grafen nicht, denn dieser war ihr viel zu alt und dick und bucklig, und zudem war er auch noch kahlköpfig. Ihr schauderte bei dem Gedanken, seine Frau zu werden, denn er war mit Abstand der hässlichste Mann, die sie je in ihrem Leben gesehen hatte...

 

3)                            Die Hexe von Hagenburg

In Hagenburg, nahe dem Steinhuder Meer gelegen, soll sich einmal folgendes Ereignis abgespielt haben: Am Ortsrand von Hagenburg in Richtung Wiedenbrügge wohnte einst eine alte, recht wunderliche Frau in einem kleinen Häuschen ganz allein. Einen Ehemann hatte sie nie gehabt. Dafür war aber allerlei Getier um sie herum. In ihrem Hause hatte sie einen Raben und eine pechschwarze Katze. Des öfteren hatten Dorfbewohner beobachtet, wie diese bei der alten Frau auf der Schulter saß. Ja, sie sprach sogar mit den Tieren, welche man schon seit jeher dem Teufel zuordnete, was bei den Dorfbewohnern für allerlei Gesprächsstoff und bei einigen sogar für Furcht sorgte. Aus diesem Grund vermieden sie es tunlichst, am Haus der alten Frau vorbeizugehen oder gar bei ihr zu klopfen, um mit ihr ein Schwätzchen zu halten.

Die Einwohner Hagenburgs hatten es zu jener Zeit ganz besonders schwer, denn schon seit drei Jahren war ihnen im wahrsten Sinne des Wortes die Ernte verhagelt, und so kam es, dass viele Menschen und Tiere an Hunger litten. Die Not war so groß, dass viele Bauern kein Futter mehr für ihr Vieh hatten und die Tiere notgedrungen schlachten mussten. Bald herrschte eine Hungersnot allenthalben. Viele Menschen zog es daher fort in das nahe gelegene Hannover. Andere gar nach Bremen oder Lübeck, und wieder Andere sollen sogar bis nach Amerika ausgewandert sein.

Als die Not so groß war, dass niemand mehr ein noch aus wusste, entschloss man sich, der vermeintlichen Hexe einen Besuch abzustatten. Nahezu alle Hagenburger marschierten also in einer lauen Septembernacht, bewaffnet mit Forken und Knüppeln und versehen mit Fackeln zu dem Haus der Alten. Zuvor hatte man einen Scheiterhaufen nur wenige Straßen vom Haus des Dorfältesten zusammengetragen. Die Bewohner des kleines Ortes waren tatsächlich zu allem entschlossen, denn jeder war sich sicher, dass die Hexe etwas mit den jahrelangen Missernten zu tun haben musste.

Zwei mutige Neugierige äugten vorsichtig durch das spärlich beleuchtete Fenster und beobachteten, wie die Hexe irgend etwas in den Ofen warf und wie sie absonderliche Worte vor sich hin murmelte, auf die sie sich keinen Reim machen konnten. Der Rabe hatte die heimlichen Besucher längst bemerkt. Er flatterte aufgeregt im Hause hin und her und krächzte in einem fort. Die Katze sprang lautlos auf das Fensterbrett, und mit ihren Augen, die den Gaffern wie zwei glühende Kohlestücke erschienen, schaute sie die vor dem Fenster kauernden Männer an, das sie sich erschraken und einige Schritte zurück traten. Oh, wie wurde ihnen da Bange ums Herz. Schließlich trat die alte Frau mit ihrer Katze auf der Schulter aus dem Haus und fragte: "Was wollt ihr von mir? Was habe ich euch getan? Lasst mich gefälligst in Ruhe und schert euch allesamt zum Teufel." Da trat der Mutigste hervor und sagte mit fester Stimme: "Du bist Schuld daran, dass unsere Frauen und unsere Kinder kein Brot haben. Du bist Schuld daran, dass all unser Vieh elendig verhungern muss. Drei lange Jahre hast Du uns die Ernte verhagelt. Du bist eine Hexe, und dafür sollst Du auf dem Scheiterhaufen schmoren, so wahr ich hier stehe."

So sprach der Mann, packte sie rüde am Arm und führte sie unter dem Gejohle der Bürger zu dem Scheiterhaufen. Sowohl die Katze, als auch der Rabe hatten bei all dem Getümmel längst Reißaus genommen. Einer fand eine Rabenfeder und steckte sie der Hexe ins Haar. Dann wurde sie an einen Pfahl gebunden und das trockene Holz wurde an mehreren Stellen gleichzeitig angezündet...

 

4)                       Unbekanntes Flugobjekt

Gewiss hat der eine oder andere der geschätzten Leserschaft schon einmal etwas von mysteriösen Kornkreisen gehört. Nun, mit einer derartigen Geschichte kann der Landkreis Schaumburg nicht aufwarten, doch ist die nun folgende Geschichte, welche der Wahrheit entsprechen soll, nicht weniger spektakulär.

Es geschah am 26. Juni 1913, ganz in der Nähe der damaligen Residenzstadt Bückeburg. Das Deutsche Reich stand kurz vor einem Krieg, den man später den Ersten Weltkrieg nennen sollte. Theobald von Bethman war Reichskanzler, der VfB Leipzig war soeben Deutscher Fußballmeister geworden und ein Auto war eine derartige Rarität, dass man die Köpfe hob, um diese neuartigen, zum Himmel stinkende Blechkisten einerseits zu bewundern, andererseits zu verfluchen.

Ludwig Kiessling, ein Grundschullehrer aus Röcke, saß wie jeden Abend gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth bei einem Glas Rotwein in der Wohnstube, um sich von des Tages Mühsal zu erholen. Wie gewöhnlich stopfte er sich auch an jenem Abend in aller Seelenruhe seine geliebte Meerschaumpfeife, von der er so gar nicht lassen mochte, obwohl dies seiner Frau sehr lieb gewesen wäre. Schon allein der Kinder wegen, die um diese Zeit längst in ihren Betten lagen, denn es ging bereits gegen 21 Uhr.

Wie jeden Abend nahm Ludwig seine geliebte Taschenuhr aus der Westentasche. Sie war ein Erbstück seines aus Emden stammenden Großvaters, der als Kapitän eines Schoners zur See gefahren war, und ihm dieses gute Stück, welches er irgendwo auf der Welt erstanden haben mochte, vererbt hatte. Ludwig war mehr als stolz auf diese Uhr, die wohl die ganze Welt gesehen haben mochte.  Langsam, fast zärtlich, zog er sie auf und steckte sie wieder in seine Westentasche. "Schon kurz nach neun", sagte Ludwig. Elisabeth, die mit dem Stopfen von Strümpfen der Kinder Klein-Ludwig und Sieghard beschäftigt war, und es sich in ihrem Schaukelstuhl bequem gemacht hatte, warf einen kurzen Blick aus dem Fenster. "Ist das nicht ein wunderschöner Abend? Schau nur, wie schön die Sterne funkeln. Sie sehen mir fast wie goldene Talerchen aus." Ludwig rückte seine Brille zurecht und blickte ebenfalls aus dem Fenster. "Fürwahr. Wie recht Du doch hast, meine Liebe." Dann stand er auf, ging zum Fenster, breitete beide Arme aus und schwärmte: "Was für ein gigantischer Weltenraum dies doch ist." "Und alles hat der liebe Gott erschaffen", entgegnete Elisabeth mit einem sanften Lächeln. "Papperlapapp", entfuhr es Ludwig. "Gott hat Himmel und Erde erschaffen. Vom Weltenraum war niemals die Rede. Der Weltenraum, meine liebe Elisabeth, der Weltenraum ist etwas unerschöpfliches und war schon immer da. Den Weltenraum hat niemand erschaffen. Er ist ewiglich und unergründlich. Möglicherweise ist er sogar größer, als wir ihn uns in unseren Köpfen vorstellen können." So stand er vor ihr, mit erhobenem Zeigefinger. So wie er tagtäglich vor seinen Schülern stand, die ihm mehr oder weniger aufmerksam zuhörten.

Zufrieden ob seiner Erklärungen zog er genüsslich an seiner Pfeife, holte abermals seine Taschenuhr hervor, schaute auf das Ziffernblatt und steckte sie wieder in seine Tasche. Bewundernd schaute Elisabeth ihm dabei zu. Was hatte sie doch für einen gebildeten Ehemann. "Ob dort oben auf dem Mond Menschen wohnen? Vielleicht schauen sie ja gerade jetzt, in diesem Augenblick zu uns hinab. Was glaubst Du?" Besonnen den Tabakrauch durch die Luft blasend antwortete Ludwig: "Eine sehr interessante These. Auszuschließen ist das sicherlich nicht." Er ärgerte sich ein wenig, dass er darauf keine plausible Antwort wusste, zumal er sich schon des öfteren den Kopf darüber zerbrochen hatte.

"Ich werde mir noch ein wenig die Beine vertreten", sagte Ludwig zu seiner Frau, nachdem diese Nadel und Faden zur Seite gelegt hatte, um eine Schallplatte von Enrico Caruso auf den Plattenteller des nagelneuen Grammophons zu legen...

 

5)                                    Drei Steine

In Bad Nenndorf, unweit der heutigen Bundesstraße 65, welche nach Hannover führt, lebte einst der reiche Bauer Heinrich Wilkening mit seiner Frau Anneliese nebst deren beiden Söhnen Bernhard und Adrian. Meist hatte der Bauer schlechte Laune, und wenn er schlechte Laune hatte, ging er in das nächstgelegene Wirtshaus "Zur Alten Eiche", um sich mit Bier und allerlei Korn und Branntwein zu betrinken.

Seine Familie führte er mit strenger Hand, und so blieb es nicht aus, dass man ihn lieber gehen als kommen sah. Wenn er abends betrunken aus dem Wirtshaus kam, stand er am nächsten Tag immer erst um die Mittagszeit auf, so dass seine Frau und die Kinder sich um die Rindviecher, die Schweine und die Pferde kümmern mussten. Man musste schon lange nachdenken um sich daran zu erinnern, wann er zum letzten Mal den Stall ausgemistet, den Tieren zu fressen und zu saufen gegeben oder die Kühe gemolken hatte. Auch im Haus tat er nicht einen Handschlag, und bei der herbstlichen Heuernte war er niemals anzutreffen.

Obwohl sich seine Frau und die heranwachsenden Jungs, die tagsüber fleißig die Schulbank drückten und ihrer Mutter halfen, wo immer sie nur konnten, von morgens früh bis abends spät auch abrackerten, machten sie es dem mürrischen Bauern doch niemals recht. Stets hatte er irgend etwas an ihrer Arbeit auszusetzen.

Dem Bauern war es auch ein Dorn im Auge, dass die Söhne zur Schule gingen und gute Noten nach Hause brachten. Er hätte es lieber gesehen, wenn sie sich ganz und gar um den Hof gekümmert hätten. Adrian, sein Ältester, hatte sich in den Kopf gesetzt, einmal Arzt zu werden, während sich Bernhard mehr für das Kaufmännische interessierte. Regelmässig, wenn die Familie am Küchentisch auf dieses Thema zu sprechen kam, setzte es für die Kinder eine gehörige Tracht Prügel, und einmal war der Bauer sogar derart erzürnt gewesen, dass er dem Adrian bei einer Rangelei den rechten Arm brach. So musste dieser notgedrungen all seine Arbeiten mit dem linken Arm verrichten. Der Bauer sagte daraufhin spöttisch: "Nun kann er sich ja selber verarzten, der angehende Herr Doktor."

Eines Nachmittags, die Kinder kamen soeben aus der Schule und die Bäuerin bereitete in der Küche ein leckeres Mittagessen vor, stampfte der Bauer wie üblich mürrisch und unrasiert dazu und schimpfte in lautem Ton: "Warum sitzt ihr hier alle schon wieder faul herum? Der Zaun auf der Weide muss repariert werden. Er ist ja schon ganz morsch. Die Kühe werden uns noch davon laufen. Un das Heu ist immer noch nicht in der Scheune. Stattdessen lungert die feine Gesellschaft den lieben langen Tag in der Küche herum und isst Erbsensuppe mit Speck. Auf mich scheint hier ja wohl keiner mehr zu hören. Aber ich bin ja auch bloß der Vater." Endlich setzte er sich an den Tisch, schimpfte noch eine ganze Weile vor sich hin, löffelte drei Teller Suppe und redete den Seinen ein recht schlechtes Gewissen ein. "Euch werde ich das Arbeiten schon noch beibringen", raunzte er mit hochrotem Kopf und wischte sich mit dem Taschentuch den Mund ab. Dann stand er auf, zog seine Buben kräftig an den Ohren und schrie seine Frau an: "Und wenn Du Deinen faulen Kindern nicht endlich zeigst, was Arbeiten heißt, dann sollt ihr mich allesamt kennen lernen." Grob schubste er seine Frau beiseite, die sich schützend vor die Kinder stellen wollte, dass sie sich ihre Hand am heißen Herd verbrannte und laut aufschrie. "Das geschieht Dir Recht", lachte er im Vorbeigehen...

 

6)                       Indianer in Schaumburg

Im Jahr 1875, vielleicht auch ein paar Jahre früher, kamen einmal zwei Indianer an den Ort, wo sich heute der Bahnhof in Kirchhorsten befindet. Niemand weiß genau, wie und warum sie dort hingekommen sind. Kirchhorsten gab es zu jener Zeit noch nicht. Stattdessen standen dort allerlei Pappeln, Birken und andere Baumarten. Auch die Gehle floss schon friedlich plätschernd dort entlang, und unweit dieses kleinen Baches hatte das Indianerpaar, ein Mann und eine Frau, ihr Zelt aufgeschlagen.

Der Mann mochte wohl an die dreißig Jahre alt gewesen sein. Er war von kräftiger, anmutiger Gestalt. Sein schwarzes Haar fiel bis zu seinen breiten Schultern hinab und seine Gesichtszüge strahlten, abgesehen von ein paar Narben, etwas majestätisches aus. Über seinem muskulösen Oberkörper trug er ein ledernes Hemd mit Fransen und um den Hals eine türkisfarbene Kette. Dazu braune, bis zu den Knöcheln reichende Hosen und schwarze Armeestiefel.

Seine Begleiterin war um einige Jahre jünger. Sie war eine regelrechte Schönheit. Ihre Haut war, genau wie die ihres Begleiters bronzefarben. Auch sie hatte langes, pechschwarzes Haar. Ihre Augen schienen unergründlich und strahlten Herzenswärme aus. Um ihren schlanken Hals trug sie mehrere Ketten, welche sie über ihrem ledernen Hemd trug, das mit allerlei Verzierungen versehen war. Darüber trug sie jedoch, im Gegensatz zu dem Mann, eine schwarze wollene Jacke, an der die oberen beiden Knöpfe fehlten und die aussah, als hätte sie schon allerhand erlebt. Lederne Hosen mit Fransen und bunt geschmückte Mokassins rundeten das Bild ab.

Als erster nahm der Bauer Albrecht aus Sülbeck von dem fremdartig aussehenden Paar Notiz. Etwas derartiges hatte Albrecht, obgleich er bereits an die sechzig Lenze zählte, sein Lebtag noch nicht gesehen. Das Paar saß, so erzählte er, friedlich vor einem runden Zelt und hatte ein Lagerfeuer angefacht, über dem in einem Topf ein Huhn vor sich hin schmorte. Als er verwundert näher trat, um die Beiden eingehender zu betrachten, wünschte er ihnen einen guten Tag, woraufhin sie ihn mit ihren großen dunklen Augen ansahen und etwas sagten, was er nicht verstand. Sie gaben ihm per Handzeichen zu verstehen, dass er sich doch neben sie setzen möge. Obgleich noch jede Menge Arbeit auf den Bauern wartete, folgte er ihrer Einladung und setzte sich neben sie an das Feuer.

Das Hühnchen duftete vorzüglich. Als die beiden fremdartigen Gestalten sich auch weiterhin miteinander unterhielten, ohne ihm auch nur ein klein wenig Aufmerksamkeit zu widmen, fragte er sie, woher sie kämen. Sie schienen ihn jedoch nicht zu verstehen. Stattdessen zog der Mann ein langes Messer hervor, welches an seinem Gürtel hing, schnitt ein Stück von dem Hühnchen ab und reichte ihm das heiße, halbgare Fleisch hinüber. Auch der Frau gab er zu essen, und schließlich aß auch der Indianermann davon. "Wartet mal", sagte Albrecht, als sie das Huhn verspeist hatten. "Ich laufe rasch nach Hause und hole uns eine gute Flasche Wein. Oder noch besser - ihr kommt mit zu mir. Ich wohne gar nicht weit entfernt von hier." Er erhob sich und deutete ihnen, ihm zu folgen, was sie auch zögerlich taten. Die Frau löschte das Feuer mit Erde, und gemeinsam gingen sie in das nahe gelegene Sülbeck.

Die Bauersfrau staunte nicht schlecht, als ihr Mann mit zwei ausgewachsenen Indianern in der Küche stand, aber sie hieß die beiden Fremden herzlich willkommen und reichte ihnen die Hand zum Gruße. Nachdem sie alle zusammen von ihrem guten, selbstgebackenen Streuselkuchen gegessen und eine Flasche Weißwein getrunken hatten, welcher den beiden Rothäuten außerordentlich gut zu schmecken schien, zeigte Albrecht ihnen seinen Stall...

 

7)                Letzter Wunsch zu Weihnachten

Der kleine Wilhelm aus Petershagen war schon seit jeher ein schlechter Esser gewesen. Nichts mochte ihm so recht schmecken. Sieben Jahre war er nun alt, aber für sein Alter war er unglaublich schmächtig. Jedenfalls war er mit Abstand der Kleinste in seiner Klasse. Seine Mutter wäre ja schon zufrieden gewesen, wenn er wenigstens die Hälfte seines Tellers Suppe gegessen hätte, doch spätestens nach dem dritten Löffel sagte er leise: "Mama, ich bin satt."

Die Eltern waren in größter Sorge um den kleinen Wilhelm. Im November wurde er so krank, dass er nicht mehr zur Schule gehen konnte und den ganzen Tag das Bett hüten musste. Die verzweifelten Eltern zogen einen erfahrenen Arzt aus dem nahen Minden zurate, und dieser diagnostizierte das für alle erschütternde Ergebnis - Leukämie im Endstadium. Der Junge hatte allerhöchstens noch einen Monat zu leben.

"Was bekomme ich zu Weihnachten?", fragte der kleine Wilhelm seine Mama, die an seinem Bett saß und ihm zärrtlich über das braune, kurz geschorene Haar strich. "Was wünschst Du Dir denn, mein Schatz?" "Ich würde so gerne mal den Weihnachtsmann sehen. Das wäre das allergrößte." Seine Mama lächelte und wischte sich rasch eine Träne aus dem Auge, denn es rührte sie sehr, ihren geliebten Wilhelm so hilflos dort liegen zu sehen. Sie wusste, dass er wusste, das sein junges Leben recht bald zu Ende sein würde. Wie tapfer und selbstverständlich er sein Schicksal angenommen hatte, löste so etwas wie Bewunderung in ihr aus. Viel lieber aber wäre es ihr gewesen, wenn er mit den anderen Kindern Fangen gespielt hätte oder in schmutzigen Pfützen herumgetobt wäre, so wie es die Kinder in seinem Alter normalerweise zu tun pflegen.

Wilhelm schaute sie mit seinen großen, braunen Augen an, als wollte er ihr Trost zusprechen. Seine kleine Hand ergriff ihre große Hand, streichelte sie, und leise sagte er mit einem tiefen Seufzer: "Ach Mama." Sie hatte einen dicken Kloß im Hals. "Du sollst den Weihnachtsmann zu sehen bekommen, mein Schatzi. Das verspreche ich Dir bei allem, was mir heilig ist." Dann küsste sie ihn auf den Mund und sagte leise: "Jetzt wird aber geschlafen. Du bist doch schon ganz doll müde." "Ja, ganz doll", antwortete Wilhelm und gähnte herzzerreißend. "Ist Papa schon zuhause?" "Er macht doch Überstunden. Das hat er Dir doch erzählt, nicht wahr?" Wilhelm nickte traurig. "Wenn er nach Hause kommt, schaut er noch einmal nach Dir." "Versprochen?" "Ehrenwort", sagte Mama. Wieder gähnte Wilhelm, und noch ehe sich seine Mama vom Bett erhoben hatte, war er auch schon eingeschlafen.