1)                                                              Er und ich und tausend Fragen

Am vergangenen Samstag, eine halbe Stunde, nachdem wir mit dem Mittagessen fertig waren, begaben sich mein fünfjähriger Enkelsohn Robin und ich hinaus an meinen Gartenteich, um die Fische und die Frösche zu beobachten. Wir machen das immer wieder gern. Nie wird es uns auch nur ansatzweise langweilig.

Robin nahm wie üblich neben mir auf dem Gartenstuhl platz, um nach wenigen Minuten auf meinen Schoß zu klettern und mir sein Lieblingslied "Inky Tinky Minky" ins Ohr zu brüllen. "Psst! Du musst leise sein. Die Fische erschrecken sich sonst", maßregelte ich ihn, denn das Lied, welches er fröhlich vor sich hinträllerte, hatte ich inzwischen wohl an die fünfhundert mal gehört. Es kam mir buchstäblich schon aus den Ohren heraus. Außerdem bin ich eher ein Mensch der leisen Töne und bevorzuge die Abgeschiedenheit und Ruhe jedweder Hektik des Alltags. "Glaubst Du, dass Fische hören können?", wollte Robin wissen und nahm mir meine Brille ab. Vermutlich um festzustellen, ob er damit besser sehen kann. Ich hatte es geahnt, dass mein kleiner, rothaariger und sommersprossenüberfluteter Enkel mich wieder mit kaum zu beantwortenden Fragen quälen würde. Wie um alles in der Welt können einem so kleinen Kinderkopf nur derart viele Fragen entfleuchen? "Gib mir meine Brille wieder, damit ich besser denken kann", antwortete ich, um wenigstens ein wenig Zeit zu gewinnen.Robin setzte sie mir kommentarlos wieder auf die Nase und schaute mich gespannt mit seinen blauen Augen an. "Also,", entgegnete ich und machte ein ernstes Gesicht. "Natürlich können Fische nicht hören. Oder hast Du schon mal Fische mit Ohren gesehen? Aber Du musst trotzdem leise sein. Schließlich wollen wir doch keinen Ärger mit unseren Nachbarn bekommen." Um ehrlich zu sein: Ich hatte nicht nicht geringste Ahnung, ob Fische hören können oder nicht, aber eine gescheitere Antwort wollte mir auf die Schnelle nicht einfallen. "Aber Flipper kann auch hören, und Ohren hat er keine", entgegnete Robin wie aus der Pistole geschossen. "Der hört sogar eine Hupe unter Wasser." Zack! Das war wieder einmal ein typischer Konter meines Enkels. Ansatzlos aus dem Fußgelenk geschlagen. Ich hätte damit rechnen müssen. Wie durchtrieben doch Kinder in diesem Alter sein können. "Flipper ist ja auch kein Fisch, sondern ein Delfin", triumphierte ich hastig und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Genüsslich lehnte ich mich zurück und beobachtete den kleinen Rotschopf aus den Augenwinkeln heraus. Auf meine Antwort war ich mehr als stolz, doch die Retourkutsche folgte auf dem Fuße: "Aber Beide leben unter Wasser!", krakelte er. "Ja ja, das weiß ich auch", antwortete ich ärgerlich. Von wem hat dieser Dreikäsehoch bloß diese unglaubliche Schlagfertigkeit, schoss es mir durch den Kopf. Vermutlich von meiner Frau. Die muss auch immer das letzte Wort haben.

"Guck mal, Opa. Da hinten auf dem Stein sitzt ein dicker Frosch." Ich reckte meinen Hals, konnte aber beim besten Willen keinen dicken Frosch erkennen. "Da hinten auf dem Stein, Opa! Ein brauner Frosch." "Das ist kein Frosch, sondern eine Kröte." Wieder traf mich der Blick meines Enkels. Misstraute er mir, oder war er einfach nur verwundert, weil ich so viel wusste? "Woher weißt Du, dass es eine Tröte ist?" "Nicht Tröte. Kröte!", lachte ich. "Und warum ist die Kröte so braun?" Woher um alles in der Welt soll ich das wissen, schoss es mir durch den Kopf. Ich bin nicht Bernhard Grzimek. Hätte ich jetzt meinen Laptop dabei gehabt, wäre es ein leichtes gewesen, diese Frage zu beantworten. So aber blieb mir wieder einmal nichts anderes übrig, als mein Nichtwissen durch die eine oder andere kleine Flunkerei zu kaschieren. Ich brauchte jetzt und sofort eine halbwegs passende Antwort, um die Illusionen von Robin nicht gänzlich zu enttäuschen. "Diese Kröte ist eine Kröte vom FC St. Pauli. Du weißt doch - die haben auch solche braunen Trikots." Ich glaubte, so etwas wie Begeisterung in seinen Augen gesehen zu haben, gemischt mit einer Prise Skepsis.. "Wirklich?" "Glaubst Du etwa, Dein Opa lügt Dich an?", fragte ich entrüstet und mit fester Stimme. Robin überlegte einen Moment um gleich darauf kaum merklich den Kopf zu schütteln. Dabei ließ er den Teich nicht eine Sekunde aus den Augen. "Schau mal Opa. Da schwimmen zwei Frösche von Werder Bremen!" "Wie kommst Du denn jetzt darauf?" fragte ich verwundert. "Die sind total grün. Und Werder Bremen ist doch grün, stimmt´s?" "Stimmt", pflichtete ich ihm bei und strich ihm anerkennend durchs Haar.

 

 

2)                                   Noah´s Nachbar

Es war an einem wunderschönen, sonnigen Maimorgen. Nicht eine einzige Wolke trübte den Himmel. Wenn nicht seit Tagen aus Noahs Garten diese unentwegten Geräusche von Sägen und Hämmern weithin zu hören gewesen wären. Noahs Nachbar Nathanael, ein angesehener Weinbauer, wurde zu früher Stunde unsanft von seiner neben ihm liegenden Gattin Esther geweckt: "Eine Unverschämtheit ist das! Kaum hat der Hahn gekräht, schon macht unser sauberer Nachbar Noah einen Lärm, der an Lautstärke kaum mehr zu überbieten ist. Geh hinüber und sage ihm, er soll endlich mit diesem Krach aufhören. Er raubt mir ja schier den Verstand." Nathanael rieb sich verschlafen die Augen und schaute seine Frau fragend an. "Frau, musst Du denn am frühen Morgen schon zetern? Reicht es nicht, wenn Du es tagsüber ununterbrochen tust?" Seine Frau Esther blickte ihn strafend an, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. "Ist ja gut. Ich gehe ja schon", sagte Nathanael widerwillig.

Er und Noah waren nicht nur Nachbarn, sondern auch im Laufe der Jahre gute Freunde geworden. So manchen Abend verbrachten sie gemeinsem im Garten bei einem Krug Wein und erzählten sich gegenseitig von ihren Sorgen und Nöten, und wenn Nathanael betrübt und niedergeschlagen war, weil ihm seine Frau wieder einmal das Leben zur Hölle machte, dann war es Noah, der ihm immer wieder Mut zusprach und ihn an das Gute im Menschen glauben ließ.

Als Nathanael vor das Haus trat und zu Noahs Grundstück hinüber sah, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen. Gemeinsam mit dessen Söhnen Sem, Ham und Jafet war er emsig damit beschäftigt, Bretter aus bestem Zypressenholz aneinanderzunageln. Verwundert trat Nathanael näher und schaute ihnen eine Weile zu. "Guten Morgen Noah. Warum bist Du denn zu so früher Stunde schon so fleißig?" Noah blickte kurz auf, wischte sich den Schweiß von der Stirn und antwortete mit froher Stimme: "Guten Morgen Nathanael. Ist es nicht noch ein wenig zu früh für Dich? Der Hahn hat doch soeben erst gekräht." Nathanael nickte wehleidig. "Du hast wie immer Recht, Noah. Aber mein Weib hat mich geschickt. Sie beklagt sich über euch. Ihr sollt nicht soviel Krach machen." Just in diesem Augenblick polterte ein weiterer Ochsenkarren mit Zypressenholz den steinigen und staubigen Weg entlang. "Du musst lauter sprechen, Nathanael. Es ist so laut. Man versteht ja sein eigenes Wort nicht." "Um Himmels Willen, Noah. Was machst Du denn nur mit soviel Holz? Man möchte glauben, es wird ein Haus für die ganze Welt." Noah hielt einen Moment mit seiner Arbeit inne und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. "So falsch ist Dein Gedanke gar nicht. Der Herr hat mir aufgetragen, etwas zu bauen. Aber er hat mir untersagt, mit irgendjemandem darüber zu reden."

Mit dieser Aussage musste sich Nathanael schweren Herzens zufrieden geben. Die Bautätigkeiten sorgten in den darauf folgenden Wochen zunehmend für Gesprächsstoff bei Nathanael und dessen Frau Esther. Von Tag zu Tag nahm das hölzerne Etwas größere Ausmaße an. "Hast Du endlich herausgefunden, was Noah da in seinem Garten baut?", wollte die neugierige Esther wissen. "Nein, noch nicht, Liebes", antwortete Nathanael wie aus der Pistole geschossen, obwohl diese noch längst nicht erfunden worden war. "Dann steh gefälligst nicht immer so untätig in der Gegend herum sondern frage ihn, was dieser eigenartige Bau zu bedeuten hat." Nachdenklich strich sich Nathanael durch seinen Bart. Um einer unnötigen Diskussion mit seiner Frau aus dem Weg zu gehen tat er ihr den Gefallen und trottete hinaus, wo Noah und seine Söhne emsig wie die Bienen am Arbeiten waren. Interessiert schaute Nathanael ihnen eine Weile zu, ohne sich bemerkbar zu machen. Ihm fiel auf, dass dieses absonderliche Gebilde dem Rumpf eines riesengroßen Schiffes ähnelte. Aber welchen Sinn sollte ein Schiff hier mitten im Garten von Noah ergeben? Dieses galt es nun herauszufinden...

 

 

3)                                        Schwarzmarkt

Es war im Sommer 1945. Damals war ich vierzehn Jahre alt. Der zweite Weltkrieg war endlich vorüber und Deutschland lag in Schutt und Asche. Mein Vater war aus Russland noch nicht zurückgekehrt. Wir wussten noch nicht einmal, ob er überhaupt noch am Leben war. Zusammen mit meiner Mutter und meiner zwei Jahre jüngeren Schwester wohnten wir in einer kärglichen Behausung, die man als Wohnung nicht mehr bezeichnen konnte. Unser Zuhause waren zwei Zimmer. Sämtliche Fenster waren bei einem der vielen Bombenangriffe zu Bruch gegangen und waren durch Pappe ersetzt worden. Weder hatten wir Strom, noch fließend Wasser, und der einzige Ofen, der im Wohnzimmer stand, war kaputt. Das schlimmste aber war der Hunger.

Ich weiss es noch wie heute, wie meine Mutter und ich zum ersten Mal zum Schwarzmarkt gingen, der nicht weit vom Hauptbahnhof entfernt war. Wir wollten zwei Pelzmützen von meiner Großmutter, die während des Krieges auf der Flucht von Oberschlesien nach Hannover an einer Blinddarmentzündung gestorben war, gegen ein Kilo Brot eintauschen. Es bedurfte meiner ganzen Überredungskunst, meine Mutter davon zu überzeugen, an diesen Ort zu gehen, von dem wir schon soviel gehört hatten und wo es scheinbar alles Nötige gab, was man zum Überleben benötigte.

"Kaffee?", flüsterte uns ein  Mann mit grauen Haaren und einer schmutzigen Uniformjacke zu. Ein anderer Mann mit nur einem Bein hatte Kartoffeln anzubieten, und eine hagere Frau in Lumpen fragte uns nach Milch. Es war ein deprimierender Ort. Vielleicht der deprimierendste, den ich in meinem ganzen Leben gesehen hatte. Wir fühlten uns jedenfalls denkbar unwohl in unserer Haut.

Dann sprach uns ein Junge an, der vielleicht ein oder zwei Jahre älter war als ich. Er hatte ein schrecklich vernarbtes Gesicht, so dass es mir schwer fiel, ihn anzuschauen. "Brauchen Sie Brot?" Meine Mutter drückte meine Hand, als konnte sie ihr Glück kaum fassen. "Ein Kilo", erwiderte meine Mutter. "Was haben Sie zu bieten?", hakte der Junge nach. Meine Mutter zog die beiden Pelzmützen aus ihrer Jackentasche hervor. Feinstes Hermelin. Plötzlich ertönte ein Pfiff, der uns durch Mark und Bein ging. Alle stoben auseinander. Meine Mutter und ich liefen so schnell wir konnten die Straße entlang und versteckten uns in einem Kellereingang. Wir beobachteten, wie der Einbeinige sowie ein paar andere Menschen unter lautem Geschrei auf einen LKW verfrachtet wurden. Mir schlug das Herz bis zum Hals, und meiner Mutter erging es gewiss ebenso.

Als die Luft rein war, kamen all die Leute um uns herum wieder aus ihren Verstecken hervor, und auch wir wagten uns wieder in das Getümmel. Wie die Ratten, schoss es mir durch den Kopf. Genauso machen es die Ratten. Ich fühlte mich elend, aber es nutzte nichts. Wir brauchten das Brot, um irgendwie über die Runden zu kommen. Aber wo war der Junge mit dem Brot? Kaum hatte ich diesen Gedanke zu Ende gedacht, stand er auch schon grinsend vor uns. "Ist ja nochmal gut gegangen. Kommt mit."  Wortlos folgten wir ihm...

 

 

4)                                            Niagara

Carmen war eine außerordentlich hübsch anzuschauende junge Frau. Doch das Glück stand bislang nicht auf ihrer Seite. Sie war die älteste von zwei Töchtern des Grundschullehrers Erwin Lichtenberg und dessen Frau Helga. Ihre Schwester Anne war um zwei Stunden jünger als sie. Carmen und Anne glichen sich wie ein Ei dem anderen. Und doch waren sie, zumindest was das Glück anbelangte, völlig verschieden.

Das Unglück begann, als ihre Eltern bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben kamen, als die Zwillinge vier Jahre alt waren. Das war damals ein unglaublicher Schock für die beiden Mädchen gewesen. Von einem Tag auf den anderen wurden sie aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen. Von nun an wuchsen sie bei ihrem Onkel Gerhard und Tante Ruth auf dem Lande auf. Tante Ruth war die Schwester von ihrer Mutter gewesen und hatte keine Kinder. Carmen hatte es dort von Anfang an nicht gefallen. Möglicherweise fehlte es ihr an der nötigen Nestwärme, die Kinder in diesem Alter doch so dringend benötigen wie die Luft zum atmen. Ihr fehlte die Liebe und Geborgenheit ihrer Mutter und ihres Vaters, und oft weinte sie sich gemeinsam mit ihrer Schwester abends im Bett in den Schlaf.

Eines Nachts entschlossen sich die Mädchen, davonzulaufen. Aber wohin sollten sie gehen? Sie kannten ja Niemanden. Nur wenige Stunden später wurden sie von einer Polizeistreife aufgegriffen und zurück in die Obhut von Onkel Gerhard und Tante Ruth gebracht. Dort gab es ein Riesendonnerwetter. Tante Ruth weinte und warf den Kindern vor, undankbar zu sein. Sie sprach davon, was es doch für eine Schande sei und was die Nachbarn sagen würden über solch trotzige Kinder, und der Onkel drohte ihnen sogar, sie in ein Kinderheim zu stecken, wenn so etwas noch einmal passieren würde.

In der Schule kamen sie ganz gut voran, wenngleich die Leistungen von Anne in allen Fächern besser waren als die von Carmen. Doch die eigentlichen Probleme warteten Daheim. Bei den kleinsten Verfehlungen setzte es stets ein paar anständige Ohrfeigen, an welche sich die Zwillinge niemals gewöhnen wollten.

Als Carmen und Anne elf Jahre alt waren, wurde Onkel Gerhard sehr krank. Eine Niere musste ihm entfernt werden. Er wurde von Tag zu Tag mürrischer und das Leben für die Mädchen wurde zunehmend unerträglicher. Binnen kürzester Zeit entwickelte er sich zu einem Despot und erhob auch gegen Tante Ruth seine Hand, so dass der Tante nichts anderes übrig blieb, als sich von ihrem Mann zu trennen.

Das Leben von Carmen und Anne verlief nun, da sie bei ihrer Tante wohnten, wieder in geordneteren Bahnen - sollte man meinen. Wäre da nicht der Teufel Alkohol gewesen. Tante Ruth trank eindeutig mehr, als ihr gut tat. Carmen und Anne blieb nichts anderes übrig, als sich neben der Schule auch noch um den Haushalt zu kümmern, der mehr und mehr zu verwahrlosen drohte. Tante Ruth lief den ganzen Tag in ihrem schmuddeligen Morgenrock herum, und schon zum Frühstück trank sie Kaffee mit einem Schuss Cognac. Wenn die Mädchen aus der Schule kamen, lag Tante Ruth entweder sturzbetrunken in ihrem Bett, oder aber sie saß schlafend und nach vorn gebeugt auf dem Küchenstuhl und schlief ihren Rausch aus. Die mittlerweile vierzehn Jahre alten Mädchen erledigten die Hausarbeit wenn auch nicht perfekt, so doch wenigstens recht ordentlich, so dass wenigstens nach Außen hin alles seine Ordnung hatte...

 

 

5)                    Manchmal läuft es anders, als man denkt

Ganz ohne Zweifel bin ich das schwarze Schaf der Familie. Meine Eltern führen eine gut gehende Apotheke in einer norddeutschen Kleinstadt. Meine ältere Schwester Judith studiert Medizin in Marburg, und ich ... Ich habe nach der zwölften Klasse das Gymnasium verlassen, um mich einer hiesigen Punkband anzuschliessen. Das heißt, noch existierte diese Band nur in den Köpfen von Hakan, Ralf und meiner Wenigkeit. Natürlich waren meine Eltern entsetzt, als ich ihnen meine Entscheidung mitteilte, aber ich war zu jener Zeit bereits achtzehn Jahre alt, und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als meine Entscheidung schweren Herzens zu akzeptieren, obwohl sie mir ständig in den Ohren lagen, meinen Entschluss noch einmal zu überdenken. Ich höre meine Mutter noch mit weinerlicher Stimme auf mich einreden: "Du stürzt Dich in Dein Unglück, Junge. Nimm Dir doch ein Beispiel an Deiner Schwester." Mein Vater faselte unentwegt davon, mich zu enterben und mich aus dem Haus zu schmeißen. Mir war es egal. Für mich war er nichts weiter als ein armseliger Spießer. Solte er doch mit seiner Apotheke und all seinem Geld glücklich werden. Ich sah mein Glück ganz woanders, und zwar in der Musik.

In einer kalten Nacht im November packte ich meine paar Habseligkeiten und zog vorübergehend zu Ralf und Hakan, die zusammen in einer schäbigen Kellerwohnung hausten. Wir nannten sie unser Rattenloch. Wir lebten einfach so in den Tag hinein, tranken Bier aus Dosen, aßen Kartoffelchips und hörten Musik von Sham 69, den Stranglers oder The Clash. Keiner von uns hatte Lust auf Arbeit, und so lebten wir alle von der Hand in den Mund. Wenn das Geld knapp wurde, bettelten wir in der Fußgängerzone oder wir stahlen Bier und Kekse im Supermarkt um die Ecke. Wir stellten jedoch sehr schnell fest, dass wir so niemals zu unseren Instrumenten kommen würden. Wir benötigten einen Bass, eine Gitarre und ein Schlagzeug plus die dazugehörigen Verstärker. Ein überaus kostspieliges Vergnügen also.

"Wir brauchen dringend Kohle, sonst wird das nie was mit unser Band", sagte Ralf, der es sich auf einer dreckigen alten Matratze bequem gemacht hatte. Ralf war der Inbegriff des Punk. Knapp sitzende Lederhose, ein zerrissenes, mit Ketchup-Flecken beschmiertes T-Shirt mit der Aufschrift "Dirty But Happy" sowie kurze, lilafarbene, wild nach oben stehende Haare und mit einer Sicherheitsnadel im Ohr. "Ganz genau", entgegnete ich. "Irgendwie müssen wir raus aus dieser Scheiße." "Wir können ja auf dem Bau arbeiten", schlug Hakan vor. Hakan war der Jüngste von uns. Wir nannten ihn Hacki. Er ernährte sich im Prinzip von nichts anderem als filterlosen Zigarretten und Kaugummis. Hin und wieder trieb er, weiß der Geier woher, etwas Dope auf. Seine Jugend hatte er in verschiedenen Heimen für schwer erziehbare Kinder verbracht, und er war der Weltmeister im Aufbrechen von Zigarrettenautomaten und Autos. Ralf warf ihm einen strafenden Blick zu. "Du bist wohl total verrückt geworden. Wie lange willst Du denn malochen, bis Du das Geld für Dein Schlagzeug zusammen hast? Hast Du darüber schon mal nachgedacht?" Hacki schwieg betroffen, und auch ich wusste darauf nichts zu entgegnen.

Ralf runzelte die Stirn. "Okay Leute, ich sag euch was. Der einzige Weg, um an dicke fette Kohle heranzukommen, ist ein Bruch. Macht ihr mit, oder macht ihr nicht mit?" "Ich mache mit", entgegnete Hacki wie aus der Pistole geschossen. "Erzähl doch erstmal, was Du vorhast", sagte ich. Und dann erzählte er uns von seinem Plan. In der Stadt wohnte eine reiche, alte Witwe mutterseelenallein in einem prachtvollen Haus. "Die Alte ist mindestens hundertfünfzig Jahre alt und weiß nicht, wohin mit ihrem Zaster. Genau das richtige für uns. Wir müssen nur zugreifen und es uns holen. Ein Kinderspiel. Na, was sagt ihr?" Hacki und ich schauten uns an. "Ich bin dabei", sagte er ohne lange zu überlegen. "Ich auch", erwiderte ich. Ralf grinste und warf seine leere Bierdose hinter den Schrank, wo bereits Dutzende anderer Dosen lagen...

 

 

6)                                      Stalking

In ihrer viel zu knapp bemessenen Freizeit las sie Bücher von Günter Grass, Franz Kafka oder Thomas Mann. Hin und wieder auch mal ein Gedicht von Rilke oder Ibsen. Sie verschmähte aber auch einen trivialen Liebesroman nicht. Abends auf der Couch bei einem Glas Weißwein bei leiser Musik von Pavarotti, Sinatra oder Zucchero.

Manuelas berufliche Karriere war in den letzten Jahren stetig weiter bergauf gegangen. Auf dem zweiten Bildungsweg hatte sie damals ihr Abitur nachgeholt und anschließend Sozialpädagogik studiert. Heute hatte sie erreicht, wovon sie immer geträumt hatte. Sie war stellvertretende Teamleiterin in einem Heim für schwer erziehbare Kinder. Eine Tätigkeit, welche ihre volle Kraft und Aufmerksamkeit bedurfte.

Privat schaute es bei ihr allerdings nicht annähernd so rosig aus, wenngleich man ihr ihre 37 Jahre weiß Gott nicht ansah. Sie war eine Frau, nach der sich so mancher Mann in der Fußgängerzone umschaute. An Komplimenten und eindeutigen Angeboten mangelte es ihr nicht. Nach außen strahlte sie eine jugendliche Unbekümmertheit aus, welche auf eine unergründliche Art Spaß und Freude am Leben suggerierte. Ihr braunes, lockiges Haar fiel über ihre schmalen Schultern. Ein nur ganz dezentes Make-up unterstrich ihr hübsches, ebenmäßiges Gesicht, in welchem man einen Hauch von Unschuld zu entdecken glaubte. Wenn man jedoch in ihre grünen Augen schaute, wurde einem recht schnell bewusst, dass sich hinter dieser Fassade viel Kummer und Leid verbarg.

Ihr Mann Dirk hatte sie fast drei Jahre lang mit einer Frau betrogen, die nahezu seine Tochter hätte sein können. Und das schlimme daran war: Er hatte noch nicht einmal ein Geheimnis daraus gemacht. Vor sechs Monaten hatte sie einen endgültigen Schlußstrich unter ihre Ehe gezogen und war mit ihrem Sohn Denny in eine kleine Wohnung gezogen, welche sie mit viel Liebe und Fingerspitzengefühl zu einem gemütlichen und behaglichen Nest eingerichtet hatte.

Ihr zwölfjähriger Goldschatz war mit absoluter Sicherheit das Beste, was ihr in ihrem Leben bislang passieren konnte, wenngleich er mitunter nicht so ganz pflegeleicht war. Aber welcher Jugendliche in diesem Alter ist schon pflegeleicht? Ja, und dann war da noch ihr Kater Odysseus. Ein vier Jahre alter Siamkater, den sie ihrem Sohn zu dessen achten Geburtstag geschenkt hatte. Odysseus war ein Pascha, wie er im Buche stand. Er war sich seiner unwiderstehlichen Schönheit offenbar voll und ganz bewusst.

Manuelas familiäre Situation war natürlich ihren Arbeitskollegen nicht verborgen geblieben. Insbesondere nicht dem Leiter des Kinderheims Uwe Seggebruch, um dessen Ehe es anscheinend nicht zum besten stand und dessen anzügliche Blicke sie schon seit geraumer Zeit als äußerst lästig empfand. Seit ihrem Umzug in die neue Wohnung hielt sich Uwe auffallend oft in ihrer Nähe auf, und ab und zu berührte er sie scheinbar zufällig, was ihr jedes Mal einen Schauer über den Rücken jagen ließ. Rein gefühlsmäßig empfand sie tief in ihrem Inneren einen unerklärlichen Abscheu gegen diesen Menschen. Vor einem Monat hatte er sich in der Bibliothek von hinten an sie herangeschlichen, seine Arme um ihre Brüste gelegt und sie auf den Hals geküsst. Manuela war für einen Moment starr vor Schreck. Dann jedoch löste sie sich aus der Umklammerung, drehte sich um und versetzte ihrem Vorgesetzten eine schallende Ohrfeige. "Was soll das?", fauchte sie ihn an. Ihre Augen funkelten dabei gefährlich und ihre Hände waren, ohne dass sie es bemerkte, zu Fäusten geballt. Uwe stand ihr gegenüber und hielt sich die linke Wange, auf der sich nur zu deutlich ein roter Fleck abzeichnete...

 

7)                          Die Frau aus dem Roten Flamingo

Sie war ein Miststück. Lasziv und dekadent. Sie saß an der Bar und hatte die Beine übereinander geschlagen. Es waren gute Beine. Ihr schwarzer Lederrock war bis zu den Oberschenkeln hochgerutscht, so dass man trotz des schummrigen Lichts erkennen konnte, dass sie halterlose Strümpfe trug. Ich schätzte sie auf Ende vierzig, vielleicht ein bißchen älter.

Ich stellte mich zu ihr an die Bar und bestellte mir einen Whisky On The Rocks. Der Barkeeper, ein ungefähr sechzig Jahre zählender Latino mit faltigem Gesicht und schulterlangen, hinten zu einem Zopf zusammengebundenen grauen Haaren, schaute mich gelangweilt an und machte den Drink für mich klar.

Ich spürte, wie die Frau neben mir mich taxierte. Ihr Parfum roch intensiv nach Moschus und wurde nur durch ihre Schnapsfahne übertüncht. In der linken Hand hielt sie ein Glas Gin, in der Rechten eine Zigarrette. "Na Du geiler Bock, was glotzt Du mich so schamlos an? Du hast wohl noch nie eine richtige Lady gesehen, was? Willst Du mich ficken?" Ich schaute sie entgeistert an. "Mit Harry und Torsten habe ich auch schon gevögelt. Sogar gleichzeitg. Hier in der Bar vor allen Gästen. Harry hat einen kleinen, dicken Schwanz und kann lange ficken. Der von Torsten ist lang und krumm wie eine Sichel." Sie trank ihr Glas in einem Schluck aus und schnipste mit dem Finger. "Sancho, gib mir noch ´nen Drink." Sie drückte ihre Zigarrette im Aschenbecher aus und fuhr sich mit ihren rot lackierten Fingernägeln durch ihr pechschwarzes, schulterlanges Haar, ohne mich auch nur eine Sekunde lang aus den Augen zu lassen. Sie musterte mich nach wie vor. Ich nippte unsicher an meinem Whisky. Es war ein guter Whisky. Aber für sechs Euro fünfzig durfte ich wohl auch etwas Ordentliches erwarten.

"Soll ich Deinen Schwanz blasen?" Sie sprach so laut, dass der Barkeeper jedes ihrer Worte verstehen konnte, obwohl durch die Lautsprecher leise Klaviermusik zu hören war. "Ich habe kein Höschen an. Ich trage niemals Unterwäsche. Willst Du mal sehen?" Sie spreizte iher Beine und gewährte mir einen Blick auf ihre kahl rasierte Muschi. "Gefällt Dir, was Du siehst? Natürlich gefällt es dir. Ich sehe es doch. " Sie grinste hämisch. "Was soll der Scheiß?", fragte ich und trank noch einen Schluck...

 

 

8)                         Ein Interview vor dem Interview

Seit über zwei Jahren moderierte Petra Deutscher bei einem privaten Fernsehkanal, dessen Name hier keine Rolle spielen soll, ein dreißigminütiges Special, in dem sie jeweils eine mehr oder weniger prominente Persönlichkeit interviewte. Mal handelte es sich um einen bekannten Schauspieler, mal um eine Sportlerin und manchmal auch um einen Comedien oder eine Schlagersängerin.

Sie selbst war eine vorzeigbare, emanzipierte Frau von zweiundvierzig Jahren, die mitten im Leben stand. Ihr Wunsch nach Karriere hatte sie zwei Ehen gekostet, doch sie bereute nichts. Sie hatte mächtig kämpfen müssen, um Sprosse für Sprosse die harte Karriereleiter hinaufzuklettern, doch letztendlich hatten sich ihre Anstrengungen ausgezahlt.

Die Moderation der Sendung "Prominent" war der bisherige Höhepunkt ihres beruflichen Daseins. Die Sendung wurde an jedem zweiten Freitag im Monat in einem Kölner Fernsehstudio aufgezeichnet und verzeichnete respektable Einschaltquoten. Sie war eine Löwin, und sie lebte für diese Sendung. Insgeheim hoffte sie auf einen weiteren Karrieresprung. Ihr Wunsch war es, eine eigene Talk-Show im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu bekommen, und die Chancen standen gar nicht einmal so schlecht, denn die Kritiken an ihrer Sendung waren durchgehend positiv.

An jenem Freitag war der Buchautor Jens Hollaender bei ihr zu Gast, der mit seinem neuesten Roman "Nagelt Jesus an den Weihnachtsbaum" für Furore und allerlei Diskussionen gesorgt hatte. Selbstverständlich hatte auch Petra Deutscher den 365 Seiten langen Roman gelesen, und mehr als einmal standen ihr die blond getönten, knapp schulterlangen Haare ob soviel unqualifiziertem Schwachsinn zu Berge. Das Buch war eine einzige Provokation. Petra legte es imaginär unter der Sparte "Pflichtlektüre" ab.

Die Probe für die Sendung sollte wie gewöhnlich um 17 Uhr stattfinden. Der Regisseur, ein hagerer und nahezu kahlköpfiger Choleriker tobte, als Jens Hollaender auch dreißig Minuten später noch nicht im Studio war. Weder konnte man ihn auf seinem Handy erreichen, noch war er in seinem Hotelzimmer. Er war schlichtweg unauffindbar.

Petra Deutscher ließ sich jedoch durch diesen offenbar größenwahnsinnig gewordenen, exzentrischen Schriftsteller nicht aus der Ruhe bringen. Sie machte, wie stets vor einer Live-Sendung, einige Yoga-Übungen. So konnte sie am besten entspannen und zu sich selbst finden. Außerdem war es ein ideales Mittel gegen das Lampfenfieber. Die allgemeine Hektik um sie herum ging jedenfalls weitestgehend an ihr vorüber.

Als sich bereits alle damit abgefunden hatten, dass die Sendung ausfallen würde und der Regisseur einem Herzinfarkt nahe war, betrat Jens Hollaender pfeifend und gemütlichen Schrittes das Fernsehstudio. Die digitale Uhr an der Studiowand sprang soeben auf 19 Uhr 59. "Sind Sie wahnsinnig? Wo um alles in der Welt haben Sie denn gesteckt?", raunzte ihn der Regisseur an. Jens Hollaender grinste über das ganze Gesicht und entgegnete in Seelenruhe: "Nun bleib mal locker. Jetzt bin ich ja hier. Wo geht es denn zur Maske?"...

 

 

9)                                Die Bar der toten Stars

Der Tresen der Bar bestand aus feinstem Mahagoni. Im Abstand von ungefähr zwanzig Zentimetern waren funkelnde Lapislazuli-Steine in den blitzblanken Tresen eingearbeitet worden. Nur mit einem knielangen, schneeweißen Bademantel bekleidet stolzierte Marilyn geradewegs in die Bar, wo sie von James, John und Humphrey bereits ungeduldig erwartet wurde. "Was möchtest Du trinken, Honey?", wollte Humphrey wissen, der hinter dem Tresen ein paar Gläser spülte, während John und James es sich auf den Barhockern bequem gemacht hatten. "Gib mir einen Manhattan", antwortete Marilyn mit leiser Stimme. Sie nahm auf dem freien Barhocker zwischen John und James Platz, schlug die Beine übereinander und schenkte den drei Männern ihr strahlendstes Lächeln. "Wird gemacht, Lady", entgegnete Humphrey und machte sich an die Arbeit. "Herzlich willkommen in dieser illustren Runde", brummte John und küsste galant jede einzelne Fingerkuppe der blonden Schönheit. Marilyn kicherte. "Uh, das kitzelt."

Selbstverständlich genoss sie die Blicke dieser drei Machos. In ihrem ganzen Leben hatte es noch nie einen Mann gegeben, dem sie nicht den Kopf verdreht hätte. "Ihr Drink, Lady", sagte Humphrey mit sonorer Stimme. Er war genau wie John absolut cool, während James immer wieder aufs neue versuchte, einen Blick in ihren überaus sehenswerten Ausschnitt zu erhaschen. "Glotz gefälligst woanders hin, Du Grünschnabel", fuhr ihn John barsch an und trank einen kräftigen Schluck Whiskey On The Rocks. "Du willst die Kleine wohl für Dich alleine haben?", mutmaßte James. Seine Augen funkelten gefährlich, und dennoch wagte er es nicht, Big John in die Augen zu sehen. "Du riskierst eine ziemlich große Lippe, Grünschnabel. Pass gut auf was Du sagst, und lass gefälligst die Lady in Ruhe. Es ist besser für Dich. Glaub es mir." James kratzte sich verlegen am Hals, während Marilyn sich ein erneutes Kichern nicht verkneifen konnte. "Ich an Deiner Stelle würde tun, was John sagt. Vielleicht solltest Du auch langsam mal nach Hause gehen. Du hast genug für heute, James", schlug Humphrey vor und legte ihm beschwichtigend die rechte Hand auf die Schulter. "Behalte gefälligst Deine Ratschläge für Dich, alter Mann", fuhr er Humphrey an. "Die Schlampe legt es doch darauf an, uns allen den Kopf zu verdrehen, und vermutlich wird sie auch heute wieder den alten Cowboy vögeln, wenn er überhaupt noch einen hoch bekommt."

Kaum hatte er diesen Satz ausgesprochen, flog ansatzlos John´s Faust gegen die linke Schläfe von James, der laut polternd zu Boden ging und benommen auf dem vergilbten Fußboden liegen blieb, während Marilyn erschrocken einen schrillen Schrei ausstieß. "Tut mir leid, Lady, aber der kleine Bastard hat es förmlich drauf angelegt." James schüttelte sich und kam benommen wieder auf die Beine. Als wäre nichts gewesen stellte er den Hocker, der eben noch neben ihm gelegen hatte, wieder auf seinen Platz und setzte sich. "Schenk mir noch einen ein, Humphrey", sagte er kleinlaut. "Ich habe Dir doch gesagt, dass Du genug hast, mein Junge. Geh nach Hause." James ballte die Faust und schlug dreimal vehement auf den Tresen...