Fabians Weg zum Regenbogen

 

Irgendwo in irgendeinem Land lebte einmal eine arme Familie. Sie war so arm, dass der Vater von früh bis zum späten Abend bei einem Bauern für einen Lohn, der so eben für das Nötigste reichte, sein Geld verdienen musste. Wenn er nicht gerade mit der Reparatur der Weidezäune, dem Mähen der Wiesen oder dem Einbringen der Ernte beschäftigt war, kümmerte er sich um die zahlreichen Rindviecher des Bauern, die allmorgendlich gemolken werden mussten. An die hundert mögen es wohl gewesen sein. Vielleicht sogar mehr. Seine Frau, die als Dienstmädchen bei dem Bauern arbeitete, war sehr krank und hütete das Bett. Seit Tagen litt sie unter einem schlimmen Fieber, so dass man das Schlimmste befürchten musste. Täglich kam der Doktor in das kleine winschiefe Häuschen und verabreichte der Mutter Medikamente, und dennoch wurde sie von Tag zu Tag schwächer.  

Hin und wieder nahm der Mann seinen Sohn, der auf den Namen Fabian hörte, mit auf die Weide. Für Fabian war es immer wieder ein Riesenspaß, seinem Vater bei der Arbeit behilflich zu sein. Besonders angetan hatte es ihm die schwarzweiß gefleckte Kuh Tinka. Oft saß er bei Sonnenschein neben ihr auf der Weide. Dann lauschte er dem Gesang der Vögel, dem Zirpen der Grillen und dem unentwegten Rauschen der Blätter in den Bäumen, die es reichlich am Rand der Weiden gab. So konnte er wunderbar die Zeit vergessen und fühlte sich eins mit der Natur.

Ein halbes Stündchen hatte der Blondschopf wohl mit geschlossenen Augen so dagelegen. Träumend an einem Grashalm kauend und hin und wieder einen Blick auf seine Lieblingskuh werfend, die sich in seiner Gegenwart ganz besonders wohl fühlte und graste. Die Sonne hatte bereits ein gutes Stück ihres Weges zurück gelegt, als er die Augen aufschlug und am Himmel einen Regenbogen erspähte, wie er ihn niemals zuvor in seinem Leben gesehen hatte. Strahlend hell war er, und riesengroß, und er glänzte in tausend schillernden Farben, so dass Fabian ihn lange fasziniert anschauen musste.

"Ein wunderschöner Regenbogen ist das", hörte er eine samtweiche Stimme sagen. Erschrocken fuhr Fabian hoch und blickte sich nach allen Seiten um. Doch da war niemand. Niemand außer Tinka und den anderen Rindviechern, die in einiger Entfernung von ihm gelangweilt vor sich hin glotzen. Tinka hatte es sich neben Fabian bequem gemacht und schaute ihn mit ihren großen braunen Augen an. "Ist das jemand?", fragte Fabian und kratzte sich verlegen am Kopf. Das tat er immer, wenn er unsicher war. "Natürlich ist hier jemand", hörte er die Stimme sagen. "Und wo bist du? Ich sehe dich nirgendwo. Gib dich doch zu erkennen." "Mach deine Augen auf, Fabian. Ich liege ungefähr fünf Meter von dir entfernt und schaue mir genau wie du diesen herrlichen Regenbogen an." Fabian blieb vor Überraschung die Spucke weg. Wie ein Blitz sprang er auf, lief die wenigen Meter zu Tinka hinüber und musterte sie. "Du kannst sprechen, Tinka?" "Da staunst du, was?", entgegnete die Kuh stolz, ohne den Blick von dem Regenbogen zu wenden. "Allerdings klappt das nur, wenn sich ein solch schöner Regenbogen wie dieser hier am Himmel zeigt. Mit offenem Mund lauschte Fabian den Worten seiner Lieblingskuh. "Es gibt nämlich ein Geheimnis um diesen Regenbogen", fuhr sie fort. "Ein Geheimnis?" Fabian wurde neugierig, denn die Sache klang extrem spannend. Er war fest entschlossen, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen. "Was denn für ein Geheimnis? Verrätst du es mir?" "Nur wenn du mir versprichst, es niemandem zu erzählen." "Ich verspreche es." "Schwöre es." "Ich schwöre", sagte Fabian und hob seine rechte Hand. "Der rechte Arm soll mir abfallen, wenn ich das Versprechen breche." "Also gut", meinte Tinka zögerlich. "Ich verlasse mich auf deinen Schwur. Die weise Eule hat es mir erzählt."

Die weise Eule galt auf der ganzen Welt als äußerst klug. Jeder, der auf ihren Rat hörte, hatte es nie bereut. "Der Regenbogen besteht aus den Freudentränen der Menschen", fuhr Tinka fort. "Und am Ende des Regenbogens soll eine goldene Kiste verborgen sein." Das klingt nach einem spannenden Abenteuer, dachte Fabian. "Am besten, ich sage sofort meinen Eltern Bescheid, dass ich heute etwas später zum Essen nach Hause komme." "Dazu haben wir keine Zeit mehr", erwiderte Tinka. "Wir müssen uns beeilen. Sobald der Regenbogen verschwunden ist, ist auch die Goldkiste fort." Fabian überlegte kurz. "Ich laufe nur ganz schnell hinüber zu meinem Vater. Er repariert auf der anderen Seite der Weide einen Zaun. Du wartest hier, bis ich zurück bin."

Völlig außer Atem erreichte er den Vater. "Nanu, ich hab dich ja gar nicht kommen sehen. Bis wohl durch die Luft geflogen", sagte er und wischte sich mit seinen schwieligen Händen den Schweiss von der Stirn. "Warum bist du denn so außer Puste, mein Junge?" "Ich habe nicht viel Zeit, Papa. Tinka und ich wollen gleich zum Ende des Regenbogens gehen." Der Vater lächelte. "Ja, ein herrlicher Regenbogen ist das. Sieht mir fast so aus wie gemalt." Dann klopfte er seinem Sohn auf die Schulter und zwinkerte ihm zu. "Dann lass dich mal nicht aufhalten, mein Junge. Aber sei pünktlich zum Abendessen wieder zuhause." 

Nachdem Fabian und Tinka die Weide verlassen und ein gutes Stück gegangen waren, kam ihnen eine in schwarzen Lumpen gekleidete alte Frau mit grauen Haaren entgegen. In ihrer runzligen Hand hielt sie einen krummen Stab, auf den sie sich stützte. Das zerfurchte mit Falten übersäte Gesicht war mit Spinnweben überzogen, doch schien sie das nicht im Geringsten zu stören. Ihre Finger waren dünn wie Bleistifte, und als sie den Mund öffnete, um Fabian zu begrüßen, kam ein einziger gelblich grüner Zahn zum Vorschein. Auf dem Rücken trug sie eine ausgefranste Kiepe, aus der ein fürchterlicher Gestank in die Nasen der Beiden kroch. Das seltsamste aber war, dass sich eine pechschwarze Wolke vor die Sonne schob, aus der es so stark regnete, dass dem Jungen das Wasser in die Schuhe lief, während auf die alte Frau kein einziger Tropfen herabfallen wollte. Fabian entschloss sich, nicht zu nah an die Alte heran zu treten, denn das Ganze schien ihm nicht geheuer. "Welch ein fürchterliches Wetter das doch ist,", krächzte die Alte und wackelte dabei in einem fort mit dem Kopf. "Möchtest du nicht mit zu mir nach Hause kommen? Bei mir ist es warm und gemütlich und du könntest deine nassen Sachen an meinem Feuer trocknen."

 

 

 

 

                                                      Die Ente Horst

                                                   1. Wie alles begann

Horst´s Vater war ein aus Polen eingeflogener Erpel. Er hatte ihn noch nie in seinem Leben gesehen, weil sein Papa wieder in seine Heimat zurück wollte. Seine Mutter war eine traumhaft schöne Ente, die er über alles liebte und die immer gut für ihn sorgte. Sie hatte braune Federn, einen gelben Schnabel und war vermutlich die hübscheste Ente weit und breit. Er selbst war an einem sonnigen Frühlingstag aus einem winzigen Ei geschlüpft. Horst besaß ein ganz besonderes Merkmal, dass ihn von seinen fünf Geschwistern deutlich unterschied. Er war der Einzige, auf dessen Kopf so etwas wie eine Irokesenfrisur zu erkennen war. Wild und frech sah er aus, und das passte genau zu seinem Wesen. Aber beginnen wir die Geschichte doch einfach mal von vorn.

Es war an einem wunderschönen Sonntag im April. In den Bäumen zwitscherten die Singvögel. In der Luft kreischten einige Möwen und zogen ihre Kreise über den Fluss. In den Gärten der Menschen wurden Blumen gepflanzt, der Rasen gemäht und Unkraut gejätet. Vor wenigen Minuten hatte eine ganz bestimmte Ente ihr drittes Ei gelegt. Es handelte sich hierbei nicht um irgendeine Ente, sondern um die Mama von unserem Horst. Die Arbeit war sehr anstrengend und sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie viele Eier sie noch legen würde. "Ups, da ist ja schon das Vierte", seufzte sie, und das fünfte und das sechste Ei kamen gleich hinterher. Trotzdem fühlte sie sich stolz und glücklich.

Das Nest war ein perfektes und kuscheliges Kinderzimmer. Die Entenmama hatte es geschickt auf eine Astgabel gebaut, so dass es auch bei starkem Wind nicht herunterfallen konnte. Das Aufpicken der harten Eierschale hatte Horst nur mit allergrößter Anstrengung schaffen können. Erschöpft und verwundert schaute er sich neugierig nach allen Seiten um. Was er sah, war eine Welt, die ihm gefiel. Über ihm schien die Sonne und schenkte ihm ein angenehmes und warmes Gefühl. Neben sich in dem behaglich weich gepolsterten Nest sah er zu seinem großen Erstaunen zwei weitere Küken. Außerdem lagen da noch drei Eier, die alle genauso aussahen wie das, aus dem er soeben geschlüpft war. Aus einem der Eier kam in diesem Augenblick der Schnabel eines weiteren Kükens zum Vorschein. Aus den anderen beiden Eiern hörte er ein ständiges Klopfen und Pochen.

"Du musst Dich ja genauso quälen wie ich", piepste Horst. "Nun, das Leben ist nun einmal kein Zuckerschlecken, mein kleiner Horst", hörte er seine Mama sagen, die er nun zum allerersten Mal sah. "Ich heiße also Horst?", fragte er hocherfreut. Dieser Name gefiel ihm auf Anhieb außerordentlich gut. "So ist es", antwortete seine Mama und lächelte ihn an. "Und Deine beiden Geschwister hören auf die Namen Wim und Daggi. Und die kleine Paula hat ihre Eierschale inzwischen ja auch beinah schon aufgepickt." Wie schön, dass ich kein Einzelkind bin, dachte Horst. So wird es mir ganz gewiss niemals langweilig werden und ich habe immer jemanden, mit dem ich spielen kann. Dann freute er sich auf den heutigen Tag und auf all die anderen Tage, die da kommen sollten.

Mit seinen fünf Geschwistern verstand sich Horst von Anfang an ausgezeichnet. Meistens kuschelten sie sich ganz eng aneinander.,So konnten sie sich vor dem kühlen Wind zu schützen, der ihnen dort oben kräftig um die kleinen Schnäbel blies. Horst streckte seinen Kopf häufig naseweis empor und genoss es, Wind und Regen auf seiner Haut und auf seinen noch spärlichen Federn zu spüren. Seine Geschwister schüttelten jedes Mal ungläubig den Kopf. "Warum tust Du das nur?", wollte Daggi wissen, die vor Kälte zitterte und ihren Kopf einzog. "Weil es mir Spaß macht und weil es spannend ist und weil es hier oben unendlich viel zu sehen gibt", entgegnete Horst lächelnd. Dann fuhr er fort, interessiert all das zu beobachten, was sich um ihn und um das Nest herum abspielte.,Von hier oben konnte man nämlich eine tolle Aussicht auf den Fluss und allerlei Bäume und Sträucher und Wiesen genießen.

Er erinnerte sich noch sehr genau an den Tag, als Mama ihm und seinen Geschwistern das Schwimmen beigebracht hatte. Das war vielleicht aufregend gewesen. "Hört mir jetzt alle gut zu, meine lieben Kinder und stellt das ständige Geschnatter ein. Ich habe euch etwas sehr Wichtiges mitzuteilen." Augenblicklich waren alle mucksmäuschenstill. Alle, bis auf Horst, der vor lauter freudiger Aufregung seinen Schnabel wieder einmal nicht halten konnte. "Tolle Wiese, tolle tolle Bäume, tolle Blätter, tolle Blumen, tolle Wiesen, tolle 'Bäume...", schnatterte er unaufhörlich vor sich her. "Das gilt auch für Dich, Horst!", schimpfte seine Mama. Horst erwiderte den Tadel seiner Mama mit einem unvergleichlichen Augenaufschlag, so dass sie ihm unmöglich böse sein konnte. "Also, wir werden jetzt gleich einer nach dem anderen das Nest verlassen", fuhr sie fort. Erschrocken starrten fast alle Küken ihre Mama mit ängstlichen Gesichtern an. Nur Horst jubelte: "Au fein. Endlich!" Aber wie kommen wir denn hinunter? Es scheint mir doch mächtig hoch zu sein." "Ich wollte es euch gerade erklären", sagte Mama gereizt. "Würdet Du mich nicht fortwährend unterbrechen, wären wir allesamt längst im Wasser." Wow, dachte Horst. Es geht also ins Wasser. Von hier oben hatte er den Fluss ja schon ein Weilchen beobachten können. Gespannt lauschte er den weiteren Anweisungen seiner Mama. "Ihr müsst überhaupt keine Angst haben. Der Sprung ist für euch gänzlich ungefährlich. Ihr werdet hinabschweben wie Luftballons und sanft auf dem weichen Boden  landen. Alles war ihr braucht ist ein bißchen Mut." "Mama, was ist denn eigentlich ein Luftballon", wollte Horst wissen. "Das erkläre ich Dir ein anderes Mal", seufzte Mama.

"Wer von euch möchte denn als erster hinunter springen?", fragte sie. Verschämt blickten alle Küken außer Horst zur Seite. Sowohl Wim, als auch Daggi, Paula, Gerd fürchteten sich so sehr, dass sie zitterten wie Wackelpudding. "Spring Du zuerst", flüsterte Daggi dem kleinen Pieps zu. "Warum gerade ich?", entgegnete dieser empört. "Ich bin doch nicht lebensmüde. Soll doch der Wim oder die Paula hopsen."  Niemand traute sich den Sprung in den Abgrund zu. Horst aber konnte es kaum erwarten, diesen todesmutigen Sprung in die Tiefe zu wagen. Schon damals war er der geborene Draufgänger. "Ja Mama, ich will zuerst springen", rief Horst begeistert, damit es auch ja jeder hören konnte. "Ich kann gar nicht hingucken" sagte Daggi. "Ich auch nicht", entgegneten Wim, Paula, Gerd und der kleine Pieps wie aus einem Mund. Ohne Nachzudenken  nahm Horst zwei Schritte Anlauf und sprang hinab in die Tiefe. Um auf Nummer Sicher zu gehen, flatterte er aufgeregt mit seinen kleinen Flügeln, die ihn jedoch nicht so recht tragen wollten. Vermutlich machte er es ganz automatisch. "Juchhee!", schrie Horst so laut er konnte. "Juchhee!" Dieser Sprung war so ganz nach seinem Geschmack. Noch bevor er ein drittes Mal Juchhee rufen konnte, spürte er auch schon den weichen Waldboden unter seinen Füßen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, dann wäre er gern noch einmal gesprungen, doch war dies zu seinem Bedauern leider nicht möglich. Einen Fahrstuhl nach oben gab es nun einmal nicht.

Mit lautem Geschnatter musste Mama seine Geschwister ermuntern, es Horst gleich zu tun. Ein Entenküken nach dem anderen hopste widerwillig vom Baum herunter. Als nächster sprang Wim. Dann folgten Daggi, Paula, Gerd und ganz zum Schluss der kleine Pieps, der sich so sehr fürchtete, dass ihn seine Mama mit sanfter Gewalt  hinunterschubsen musste. "War das nicht toll?", fragte Horst seine Geschwister, als endlich alle neben ihm gelandet waren. "Also ich weiß nicht", erwiderte Daggi. "Ich bin heilfroh, dass ich mir nicht sämtliche Knochen gebrochen habe." "Nie wieder springe ich von einem Baum herunter", pflichtete ihr Paula bei. "Und ich habe immer noch Angst", sagte der kleine Pieps mit zitternder Stimme.

Von unten schaute Horst noch einmal hinauf zu dem Nest, in dem sie alle ihre bisherige Kindheit verbracht hatten. Wie hoch es doch war. Von hier unten war es kaum zu erkennen, so gut war es getarnt. Aber nun wollet Horst, sich andere Ziele zu setzen. Er wollte endlich neue Welten entdecken und von nun an nur noch nach vorne schauen. Mehr als tausend Träume schwirrten ihm immer wieder durch den Kopf. In Gedanken flog er in fremde Länder und er erlebte die unglaublichsten Abenteuer. Nur zu gerne hätte er gewusst, was sich hinter dem endlos erscheinenden Horizont verbarg.